Sport : Der gefühlte Titel

Deutschland wird nach einem 3:1 über Portugal WM-Dritter – und gefeiert wie ein Weltmeister

Stefan Hermanns[Stuttgart]

Es gehört zu den Gewohnheiten der Nationalspieler, gleich nach Ankunft im Fußballstadion auf den Rasen rauszutreten und ein bisschen Atmosphäre aufzunehmen. Diesmal aber trat eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff auch Joachim Löw in die Arena, und was er sah, ließ ihn weich werden. Der Assistent ging auf einen älteren Herrn im Anzug zu und machte eine tiefe Verbeugung. Der ältere Herr hört auf den Namen Eusebio und ist die Fußballlegende Portugals. Als Löw sechs Jahre alt war, wurde Eusebio in England WM-Torschützenkönig und seine Mannschaft WM-Dritter. Das ist jetzt 40 Jahre her und wird für mindestens weitere vier Jahre der größte Erfolg des Landes bleiben. Nach einem lockeren 3:1 (0:0)-Sieg der Deutschen vor 52 000 Zuschauern im Gottlieb-Daimler-Stadion bleibt für Portugal nur der vierte Rang. Der Gastgeber Deutschland aber ist nach 1934 und 1970 zum dritten Mal WM-Dritter.

Eusebio hatte die Niederlage von der Ehrentribüne aus verfolgt. Und vielleicht lag es ja daran, dass ein anderer Held des portugiesischen Fußballs das Spiel ebenfalls größtenteils im Sitzen miterlebte. Luis Figo saß 75 Minuten nur auf der Ersatzbank. Eine ungewöhnliche Maßnahme von Portugals brasilianischem Trainer Luiz Felipe Scolari, denn es war klar, dass Figo in Stuttgart Abschied nehmen würde von der großen Fußballbühne. Und diesen stellte man sich ein wenig anders vor.

Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte seine Mannschaft für das Spiel gegen Portugal auf mehreren Positionen verändert. Neben Michael Ballack, Per Mertesacker und Arne Friedrich fielen am Spieltag auch noch Tim Borowski und Robert Huth verletzt aus. Für den Berliner Huth, der sich erst kurz vor dem Spiel verletzte, spielte Jens Nowotny. Schon vorher war bekannt gewesen, dass der 20-jährige Marcell Jansen sein WM-Debüt geben würde.

Wegen der vielen Umstellungen entwickelte sich ein recht unterhaltsames Hin und Her. Das ist zwar untypisch für dieses Turnier gewesen, aber eben typisch für ein Spiel um Platz drei. Nicht unbedingt das Ergebnis zählt, sondern das Erlebnis. Und entsprechend entspannt war die Atmosphäre auf den Rängen. Die Portugiesen hatten zunächst die Hoheit auf dem Rasen und hätten durch Pauleta in Führung gehen können. Allerdings hatte Oliver Kahn etwas dagegen. Die Elf von Jürgen Klinsmann war wie immer engagiert. Aber sie versuchte anfangs zu bemüht, Miroslav Klose in Schussposition zu bringen, der mit insgesamt fünf Treffern gute Chancen hat, erfolgreichster Torschütze der WM zu werden. Auch weil ein Bastian Schweinsteiger viel zu spät mit dem Toreschießen anfing. Bisher spielte der offensive Mittelfeldspieler ein wechselhaftes Turnier, aber zehn Minuten nach Wiederanpfiff ließ er zwei Portugiesen stehen und zog beherzt ab. Da Torwart Ricardo schlecht stand, konnte er den Ball nicht mehr mit seinen Händen erreichen. Die Führung beflügelte die Deutschen noch einmal und verunsicherte die Portugiesen, die in ihren vorangegangenen sechs Turnierspielen erst zwei Gegentore hatten hinnehmen müssen. Denn nur fünf Minuten später lenkte Petit einen Freistoß von Schweinsteiger ins eigene Tor – 0:2.

Das Spiel war entschieden, denn Schweinsteiger hatte eine Kopie seines ersten Tores vorgeführt und auf 3:0 erhöht. Und während die Fans auf den Rängen ausgelassen feierten, vollbrachte Klinsmann ein letztes Kunststück. Indem er auch noch Mike Hanke und Thomas Hitzlsperger einwechselte, blieb keiner der 20 deutschen Feldspieler ohne WM-Einsatz. Dagegen riefen die portugiesischen Fans lange Zeit erfolglos nach ihrem Liebling Figo. Für eine Viertelstunde durfte Figo dann noch einmal spielen und prompt bereitete er den 1:3-Anschlusstreffer durch Nuno Gomes vor. Das war’s.

Die Fans feierten die deutsche Mannschaft, als ob sie Weltmeister geworden wäre. Das sind sie nicht, aber das störte gestern Abend niemand mehr. „Was ist schon der Cup gegen 80 Millionen Herzen“, stand auf einem der vielen Transparente der Fans. Das war ein kleiner Vorgeschmack auf das, was die Mannschaft heute auf der Fan-Meile in Berlin erwartet. Es könnten bis zu 900 000 Menschen werden, wenn sich Jürgen Klinsmann und die deutsche Mannschaft bei den Fans für ihre großartige Unterstützung in den vergangenen fünf WM-Wochen bedankt und sich von ihnen am Brandenburger Tor verabschieden wird. Jürgen Klinsmann genoss schon gestern den Augenblick. Als sich seine Mannschaft im Mittelkreis versammelt hatte, verbeugte er sich vor ihr.

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