Sport : Der Gegner schwimmt in Manchester

Pieter van den Hoogenband liefert sich bei der Europameisterschaft in Berlin ein Fernduell mit dem Australier Ian Thorpe

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Von Frank Bachner

Berlin. Der hoch gewachsene junge Mann hätte ja gerne Autogramme gegeben. Die vier Teenager am Eingang der Schwimmhalle hatten ihm ihre Programmhefte und Filzstifte ja auch auffordernd genug entgegengestreckt. Aber leider, er war halt nicht Pieter van den Hoogenband, er sah im nur ähnlich. Das Original hatte sich Zeit gelassen mit dem Ausschwimmen nach seinem Sieg über 100 m Freistil bei den Europameisterschaften – bis fast alle Reporter verschwunden waren und nur noch die holländischen Journalisten mit Engelsgeduld auf ihren Landsmann warteten. Das war nicht sonderlich professionell. Medial gesehen. Aber van den Hoogenband sagt: „Ich bin Schwimmer, kein Entertainer.“

Der Holländer kann sich so etwas erlauben. Er ist schließlich der Star dieser Europameisterschaft, bei den Männern jedenfalls. Der zweimalige Olympiasieger ist derzeit der einzige Schwimmer der Welt, der den Ausnahmeathleten Ian Thorpe aus Australien ernsthaft gefährden kann.

Bei der EM hatte der Niederländer am Mittwoch bei seinem Sieg über 100 m Freistil (47,86) seinen eigenen Weltrekord nur um zwei Hundertstelsekunden verpasst. Und so ganz nebenbei demontierte er das Denkmal Alexander Popow, den Mann, der jahrelang die Sprintstrecken im Freistil dominiert hatte. Popow (48,94) benötigte über 100 m Freistil fast eine Sekunde mehr als van den Hoogenband, und als der Russe bei der Siegerehrung seinem jüngeren Konkurrenten gratulieren musste, erledigte er dieses Pflichtritual mit versteinertem Gesicht.

Van den Hoogenband hat die Miene des Russen entweder nicht bemerkt, oder er ist zu souverän, um darauf zu reagieren. Er sagt sogar noch, dass er den Russen „für den größten Schwimmer überhaupt" hält. Eigentlich die Art Lob, nach der sich der Gelobte noch mehr hätte gedemütigt fühlen können. Aber vermutlich hat van den Hoogenband es wirklich gemeint, wie es gesagt war. Besiegte Gegner sind für den ehrgeizigen Holländer anscheinend kein Ziel mehr für taktische Spielchen.

Eher denkt „der Pieter“, wie van den Hoogenbands Vater Cein Rein sagt, „ganz intensiv auch an die Commonwealth-Spiele“. Bei den Commonwealth-Spielen in Manchester schwimmt zur Zeit Ian Thorpe, und die beiden liefern sich ein Fernduell. Es geht ums Prestige. Thorpe hat in Manchester gerade seinen eigenen Weltrekord über 400 m Freistil auf 3:40,08 Minuten verbessert, da hätte van den Hoogenband gerne mit einer 100-m-Freistil-Bestmarke gekontert. Am heutigen Freitag besteht die nächste Möglichkeit zum Weltrekord: bei den 200 m Freistil. Allerdings dürfte der Niederländer kaum an die Weltbestmarke von Thorpe (1:44,06 Minuten) herankommen. Van den Hoogenbands Europarekord steht bei 1:45,35 Minuten.

Zu Hause, in den Niederlanden, verfolgen sie natürlich dieses Fernduell höchst aufmerksam. Schwimmen hat in den Niederlanden einen beachtlichen Stellenwert erhalten, auch wegen van den Hoogenband. Der zweite niederländische Star, die dreimalige Olympiasiegerin Inge de Bruijn, fehlt in Berlin, weil sie zu viel gefeiert hatte und aus der Form ist. Deshalb war sie auch aus der Trainingsgruppe des PSV Eindhoven geflogen, jener Gruppe von vier Profischwimmern, die von einem Elektrokonzern mit Millionen Euro gesponsert wird, und in der auch van den Hoogenband Mitglied ist.

Der 24-Jährige kennt das Problem mit den Partys. Nach seinen Olympiasiegen über 100 m und 200 m Freistil war er überall herumgereicht worden, und als er dann bei der WM 2001 startete, fehlte es ihm an Spritzigkeit. Dreimal gewann er nur Silber. Nach den 100 m Freistil hatte er noch geglaubt, gewonnen zu haben. Aber da hatte die Anzeigetafel falsch angezeigt. Van den Hoogenband beklagte sich, und ein Journalist hörte, wie ein Funktionär des Weltverbands dem Niederländer daraufhin zurief: „Verlierer jammern immer." Mit der Staffel wurde Hoogenbrand danach sogar nur Vierter. Da hat van den Hoogenband aber niemand mehr „Verlierer“ zugerufen. Denn der Holländer schwamm sein Rennen in 47,12 Sekunden. Das ist die zweitschnellste Zeit, die jemals in der Welt erreicht wurde.

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