Sport : Der gelassene Beißer Wie Jörg Schmadtke die Alemannia sanierte

Stefan Hermanns[Aachen]

Den Charakter eines Menschen erkennt man am besten in emotionalen Extremsituationen. Jörg Schmadtke hat als Sportdirektor von Alemannia Aachen schon viele emotionale Extremsituationen erlebt. Zum Beispiel im Februar, als Alemannia gerade das Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Bayern München gewonnen hatte. Der Tivoli tobte, und noch auf dem Spielfeld wurde Schmadtke von den Journalisten gestellt. Was er denn dazu sage, wurde der Aachener Sportdirektor gefragt. „Wozu?“, fragte Schmadtke.

Früher, als Torhüter in Düsseldorf und Freiburg, ist Schmadtke vor allem durch seine textmarkerfarbenen Trikots aufgefallen; heute in Aachen, bei der exzentrischen Alemannia, hebt er sich durch seine Gelassenheit vom rheinischen Umfeld ab. Schmadtke, vor 40 Jahren in Düsseldorf geboren, ist selbst Rheinländer, aber kein typischer, wie er sagt: „Ich bin keiner, der auf die Leute zurennt, sie umarmt und zuquasselt.“ Genauso einen hat die Alemannia wahrscheinlich gebraucht.

Als Schmadtke 2001 Sportdirektor des Fußball-Zweitligisten wurde, hatte der Klub 2,8 Millionen Euro Schulden, ein Vorstandsmitglied und ein Spieler waren verhaftet worden, die Steuerfahndung durchforstete fast regelmäßig die Geschäftsstelle, und in der größten Not standen sogar die Spieler mit Sammelbüchsen in der Fußgängerzone, um den Klub zu retten. „Richtig einfach war es nie“, sagt Schmadtke. „Inzwischen aber werden wir wieder als seriöser Partner wahrgenommen.“ Das ist auch sein Verdienst. Inzwischen ist Schmadtke als Sportdirektor bei 1860 München im Gespräch. „Es ist nicht so, dass ich einen unterschriftsreifen Vertrag vorliegen habe“, sagt er.

Den Aufstieg haben die Aachener zwar knapp verpasst. Dafür stehen sie im Endspiel um den DFB-Pokal und sind für den Uefa- Cup qualifiziert. Vor allem aber ist der Verein durch die Erfolge im Pokal schuldenfrei.

Im Finale von Berlin trifft der Aachener Sportdirektor auf Bremens Manager Klaus Allofs, der wie er in Düsseldorf geboren ist. Als Allofs in den Siebzigern für die Fortuna spielte, stand Schmadtke im Rheinstadion gelegentlich als Balljunge an der Seitenlinie. So wie Allofs in Bremen mit Trainer Thomas Schaaf eine erfolgreiche Mannschaft aufgebaut hat, so hat es Schmadtke in Aachen mit Trainer Jörg Berger getan. Auf niedrigerem Niveau, aber auch unter erschwerten Bedingungen. Wenn die Aachener in Vertragsverhandlungen ihr Angebot unterbreiten, „lächeln immer alle auf der anderen Seite“, sagt Schmadtke. Reich werden können Fußballer in Aachen nicht; also hat die Alemannia Fußballer geholt, die entweder schon woanders reich geworden sind wie Karlheinz Pflipsen und Erik Meijer, oder Spieler, die noch so jung sind wie Emmanuel Krontiris, dass sie nach ihrer Zeit in Aachen immer noch reich werden können.

„Jörg ist jemand, der sich in Dinge reinkniet und auch festbeißt“, sagt Rainer Bonhof, als dessen Kotrainer Schmadtke bei Borussia Mönchengladbach gearbeitet hat. Nach der Entlassung war Schmadtke Experte beim Fernsehen, außerdem hat er mit einem Freund Kunstrasen vertrieben. Dass er mit diesem Lebenslauf Manager werden würde, war nicht unbedingt abzusehen. Dass er mit Aachen Erfolg haben würde, noch viel weniger. „Ich traue mir schon ziemlich viel zu“, sagt Schmadtke.

Im Herbst 2001 suchte er eigentlich wieder einen Job als Trainer. Schmadtke hatte sich schon bei einigen Verbänden beworben, als im „Kicker“ eine Stellenanzeige der Alemannia erschien. Per Inserat fahndete der Zweitligist nach einem Sportdirektor. Da Schmadtke ohnehin schon dabei war, schrieb er eben noch eine Bewerbung mehr. Den Aachenern hat die unkonventionelle Suche per Annonce damals viel Spott eingebracht. Jörg Schmadtke sieht das anders: „Ohne die Anzeige wäre ich heute nicht Sportdirektor.“

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