Sport : Der Geschlagene trägt Gelb

Lance Armstrong übernimmt in den Alpen die Führung bei der Tour – dem Spanier Iban Mayo kann er trotzdem nicht folgen

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L’Alpe d’Huez (Tsp). Die Etappe nach L’Alpe d’Huez hat sich längst zu dem Mythos der Tour de France entwickelt. Der Col du Galibier ist der höchste Punkt der FrankreichRundfahrt. Wer den fast 2700 Meter hohen Berg in den Alpen als erster Fahrer überquert, der triumphiert auch nicht selten am Ende der Tour. Unvergessen ist etwa die Alleinfahrt des Jan Ullrich, der 1997 als erster auf dem Gipfel ankam und das Gelbe Trikot bis zum Ende der Tour in Paris nicht mehr abgeben sollte. Gestern allerdings, auf der achten Etappe der Tour, ist die Vorentscheidung über den Gesamtsieg wohl noch nicht gefallen, auch wenn der viermalige Tour-Sieger Lance Armstrong erstmals bei dieser Tour das Gelbe Trikot anziehen durfte: Denn der US-Amerikaner hatte seine Mühe am letzten Berg, einige Attacken abzuwehren. Und zwei Fahrer waren dann für Armstrong sogar zu schnell: Sieger Iban Mayo, der zwei Minuten vor Armstrong ins Ziel kam und Alexander Winokurow vom Team Telekom, der eine Minute und 45 Sekunden hinter Mayo Zweiter wurde.

Wie immer in den Alpen bei der Tour mussten sich die Fahrer den Weg durch die engen Gassen, durch die Menschenmassen schlagen. Am letzten Aufstieg der achten Etappe säumten Zehntausende die Strecke. Diesmal allerdings hatten die Tourverantwortlichen aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, wo auf der Straße herumlaufende Zuschauer schon mal für Unfälle sorgten. Schon vier Kilometer vor dem Ziel war die Strecke an den Seiten abgesperrt. Und schon zu diesem Zeitpunkt nestelte Iban Mayo am Reißverschluss seines Trikots und machte sich für seinen triumphalen Zieleinlauf zurecht. 500 Meter vor dem Ziel winkte der Kapitän vom Team Euskaltel den den Zuschauern zu. Mayo gewann schließlich in unangeahnt souveräner Manier.

Es war also nichts mit der Demonstration der Stärke des Lance Armstrong, immerhin konnte der US-Amerikaner Jan Ullrich im Gesamtklassement weiter distanzieren. Der Deutsche kam mit einer Minute Rückstand auf Armstrong ins Ziel und landete auf Platz 13. Richard Virenque verlor sein Gelbes Trikot recht klar: Der Franzose hatte im Ziel über neun Minuten Rückstand auf den Sieger.

219 Kilometer, davon 67 Kilometer bergauf und das bei Temperaturen um die 35 Grad im Schatten – kein Wunder, dass sich da einige nicht eben als Bergspezialisten bekannte Fahrer schon lange vor den gefürchteten Bergen ihr Heil in der Flucht versuchten, war klar. Auch Jens Voigt war am Anfang mal wieder mit von der Partie. Und das wieder einmal zu früh, der Ausreißversuch des Deutschen war schon nach wenigen Kilometern beendet. Gerrit Glomser stellte sich dann auf dem Anstieg zum Galibier geschickter an, doch auch der Österreicher wurde noch vor dem Gipfel gestellt.

Rolf Aldag, der am Vortag noch mit seinem zweiten Rang hinter Virenque überrascht hatte, war bereits zu diesem Zeitpunkt aus der Spitzengruppe verschwunden. Die Anstrengungen vom Freitag waren an dem Fahrer vom Team Telekom nicht spurlos vorbeigegangen. Aldag kam mit gehörigem Rückstand auf dem Col du Galibier an. 23 Minuten vor dem Deutschen war eine Spitzengruppe mit fast 30 Fahrern, darunter auch Lance Armstrong, Jan Ullrich und Richard Virenque. Der Italiener Stefano Garzelli gewann die Bergwertung, bevor die 47 Kilometer lange Abfahrt ins Tal folgte. Dort setzte sich mit dem Franzosen Didier Rous und dem Spanier Mikel Astarloza ein Spitzenduo ab, das bis zum letzten Aufstieg drei Minuten Vorsprung hatte.

Dann aber ließ Lance Armstrong seine größten Konkurrenten um den Tour-Sieg hinter sich. Jose Luis Rubiera, sein Kollege vom Team US Postal, machte das Tempo, Armstrong blieb an seinem Hinterrad. Er bekam erst seine Probleme, als Mayo etwa acht Kilometer vor dem Ziel zu seiner Attacke startete. Der Spanier vergrößerte seinen Vorsprung scheinbar mühelos und liegt nun im Gesamtklassement mit 70 Sekunden Rückstand auf Platz drei. Zweiter ist sein Landsmann Joseba Beloki mit 40 Sekunden Rückstand auf Armstrong. Ullrich ist mit 2:10 Minuten Achter.

Für Richard Virenque endete gestern der Traum von einer Triumphfahrt bei der Tour. Irgendwie hatte es der Franzose schon vorher geahnt. „Ich bin Realist und kenne meine Grenzen: Das Gelbe Trikot kann ich nicht verteidigen“, er gesagt. Virenque hatte Recht behalten. Er wurde gestern geschlagen. Ob Armstrong der Sieger von L’Alpe d’Huez ist? Das ist nach der Triumphfahrt des Iban Mayo eine Frage, die wohl erst in den nächsten Tagen beantwortet werden wird.

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