Sport : Der gesprengte Traum

Deislers Karriere steht nach Knie-Operation und verpasster WM auf der Kippe

Michael Rosentritt

Berlin - Die vergangene Woche war keine gute für Sebastian Deisler. Beim Dienstagstraining rasselte der Mittelfeldspieler des FC Bayern München mit seinem Mannschaftskollegen Owen Hargreaves zusammen. Einen Tag später saß er im Flugzeug in die USA, und am Samstag eröffnete ihm sein behandelnder Arzt, dass er operiert werden muss und die Weltmeisterschaft im Sommer ohne ihn stattfindet.

Neulich erst hat Sebastian Deisler erzählt, wie sehr er sich auf die Weltmeisterschaft freue. Er hat von den vielen Fußball-Fans aus aller Welt gesprochen, wie sie durch die Straßen tanzen und wie sie Deutschland eine unverwechselbare Atmosphäre verleihen werden. Und er hat davon erzählt, wie sehr er sich darauf freue, sich mit den besten Fußballern der Welt zu messen. Er hat von Ronaldinho gesprochen und von Zinedine Zidane, dem französischen Weltstar, für den er seit Jahren schwärmt. Das alles ist jetzt für ihn zusammengebrochen. Er wird nicht mitspielen können bei dieser Weltmeisterschaft. Was wird Deisler nun im Juni machen? Soll er sich verkriechen? Wird er wieder Fußball spielen können?

„Es tut mir sehr Leid für Sebastian. Das ist für uns ein Handicap für die WM“, sagte Jürgen Klinsmann. Dann fuhr der Bundestrainer mit leiser Stimme fort: „Das ist ein Schock für uns, aber vor allem für Sebastian Deisler.“

Gestern ist Sebastian Deisler in Vail von Richard Steadman operiert worden. Steadman gilt als der beste Kniespezialist. Er hat Deisler schon mehrere Male am rechten Knie operiert. Dieses Mal war eine Knorpelabsprengung, die unter Fachleuten als schwer wiegende Verletzung angesehen wird, der Grund für den Eingriff. Er ist ohne Komplikationen verlaufen. Der 26-Jährige werde ein paar Tage in Colorado bleiben, ehe er nach München zu seiner Familie zurückkehrt. So weit die harten Fakten. Wie es aber mit den weichen steht, wie es um das Innenleben des Sebastian Deisler bestellt ist, weiß niemand so genau. Selbst Sebastian Deisler, der in Vail seinen Vater Kilian an seiner Seite hat, konnte bisher kaum einen klaren Gedanken fassen, sagt ein enger Vertrauter des Spielers.

Als es am vergangenen Dienstag zu dem verhängnisvollen Zusammenprall im Training kam und es in seinem rechten Knie merkwürdig krachte, ahnte er schon, dass etwas kaputtgegangen ist. Er kennt diese Geräusche. Sie sind schlimmer als die Schmerzen. „Wenn es kracht, schießen einem die schlimmsten Gedanken durch den Kopf“, hat Deisler einmal erzählt. Zwischen 1998 und 2002 musste er mehrmals am rechten Knie operiert werden. Als bei einem Eingriff die Kniescheibe fixiert wurde, war nicht sicher, ob er je wieder Fußball spielen könne. Bisher konnte sich der begabte Fußballer immer wieder eindrucksvoll zurückkämpfen. Auch, weil er nach den verpassten Turnieren WM 2002 und EM 2004 ein großes Ziel hatte: die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Sie sollte seine WM werden. Er wollte endlich zeigen, was er kann, er wollte zeigen, dass es den Patienten Sebastian Deisler, bei dem im Herbst 2003 schwere Depressionen diagnostiziert und therapiert wurden, nicht mehr gibt. „Für Sebastian wird es jetzt ganz schwer, da durchzukommen“, sagt der enge Vertraute des Spielers.

Sebastian Deisler lässt nur wenige Menschen an sich heran. Im Zuge seiner Leidensgeschichte hat er sein Umfeld komplett umgekrempelt. Außerhalb seiner Familie gibt es ganz wenige Menschen, denen er vertraut. Sie versuchen ihm jetzt klar zu machen, dass er nicht aufgeben darf, dass er den Vertrag beim FC Bayern, der gerade bis 2009 verlängert wurde, erfüllen soll. Trotz seiner Leidensgeschichte und trotz des Wegbrechens seines großen Traums. Dass ihm Zweifel an sich selbst kommen, sei verständlich. Seine Familie wird nun versuchen, ihn wieder aufzurichten. Eine konkrete Sorge für einen Rückfall in Depressionen gebe es nicht. „Wenn es umschlagen sollte, dann wäre es einfacher als damals“, sagt der Vertraute, „er hat ja eine Therapie hinter sich und ein stabiles Umfeld.“

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