Sport : Der Glaube und die Illusion

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Fast wäre er nicht Fritz Walter geworden. Kaum jemand kennt die Geschichte: Ungarische Militärs retteten den Kriegsgefangenen Walter, weil er gut Fußball spielte, vor der russischen Gefangenschaft. Sibirien hätte er nicht überlebt – oder wäre als Wrack oder erst nach der WM 1954 zurückgekommen. Ein paar Jahre nach seiner Rettung stürzte er mit seinen Mannen die Ungarn aus dem Fußball-Himmel.

Über das 3:2 von Bern und seine Bedeutung für die junge Bundesrepublik ist viel gesagt worden. In diesen Tagen, nach Fritz Walters Tod, blühen die Klischees. Ein Aspekt wird gern übersehen: Der Sieg von 1954 hat den Deutschen nicht nur Selbstvertrauen geschenkt. Er hat ihnen auch den Glauben vermittelt, sie hätten eine Art moralischen Anspruch auf den Weltmeistertitel. Die Illusion, eigentlich seien sie die Besten. Verlieren können, das gehört nicht zu den neuerdings wieder bemühten deutschen Tugenden. Fritz Walter war da bescheidener. 48 Jahre thronte er auf dem Fußball-Olymp, zum Mythos gemacht, zum Mythos erstarrt. Hofiert, umschmeichelt, benutzt – unser aller Fritz. Immer mit Siegerlächeln, immer nett, auch wenn er seine Geschichte von Bern zum tausendsten Mal erzählen musste. Für mich ein Phänomen, weil er – anders als Heroen wie Werner Liebrich – von seiner immer gleichen Starrolle niemals die Schnauze voll zu haben schien: als der Fußball-Gott zum Anfassen.

Delius wurde 1943 in Rom geboren und wuchs in Hessen auf. Jetzt lebt der Schriftsteller in Berlin. In der Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ befasst er sich mit dem Wunder von Bern.

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