Sport : Der Glücksgriff mit dem Novizen

Beim VfL Osnabrück geht es mit Trainer Wollitz aufwärts – das soll auch Hertha BSC heute im DFB-Pokal zu spüren bekommen

Harald Pistorius[Osnabrück]

„Die Regionalliga ist ein Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt.“ Der Mann, der sich vor zehn Jahren mit dieser düsteren Prognose als Mäzen und Präsident des VfL Osnabrück verabschiedet hat, lebt heute in Berlin. Hartwig Piepenbrock, in den Siebziger- und Achtzigerjahren einflussreiches Mitglied im DFB-Ligaausschuss, hat längst mit dem Fußball abgeschlossen und widmet sich den schönen Künsten.

Große Fußballtage sind ohnehin rar in Osnabrück. Nur gut, dass es da den DFB-Pokal gibt. Im Achtelfinale des Wettbewerbs gastiert heute Bundesligist Hertha BSC im stimmungsvollen Stadion an der Bremer Brücke. Für dieses Spiel war das Stadion mit seinen 18 500 Plätzen innerhalb weniger Tage ausverkauft.

Piepenbrocks Nachfolger beim VfL widmen sich derzeit hauptsächlich der Kunst des Überlebenskampfes in der dritten Liga. Am traditionsreichen Fußball-Standort Osnabrück – erstklassig bis 1963, bis 1993 immer in der Zweite Liga – muss eine Profimannschaft mit einem Vier-Millionen-Euro-Etat nahezu ohne TV-Gelder (400 000 Euro) finanziert werden. Aber wenigstens das Publikum hält trotz mancher Enttäuschung dem VfL immer noch die Treue: Der Schnitt in dieser Saison liegt bei 9000.

Zweimal hatte der VfL den Aufstieg in die Zweite Liga geschafft, doch beide Male führte das Schicksal den Klub sofort wieder nach unten. Beim ersten Anlauf im Jahr 2000 hatte sich der Verein noch äußerst ungeschickt angestellt: Entgegen mancher Warnung hatte man dem in der Profibranche abgetakelten Trainer Michael Lorkowski vertraut und nicht die nötigen Verstärkungen verpflichtet. Noch größer war das Desaster, das der teuerste Trainer der Klubgeschichte in der Saison 2003/04 hinterließ. Frank Pagelsdorf wurde in der niedersächsischen Provinz wie ein Heilsbringer empfangen. Doch Pagelsdorf unterschätzte seine Aufgabe, verwirrte mit einem ausufernden Personal-Roulette und gab am Ende ratlos auf.

Kein Geld, keine Mannschaft, kaum noch Fans: Dass der Verein den erneuten Absturz so gut überstanden hat, hat er einem Trainer-Novizen zu verdanken. Claus-Dieter Wollitz kaufte sich beim KFC Uerdingen selbst aus seinem Trainervertrag frei, um beim VfL mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Aus dem Nichts und ohne einen Cent Ablöse stampfte Wollitz eine neue Mannschaft aus dem Boden, die mit Tempofußball begeisterte und bis zum letzten Spieltag um den Aufstieg mitspielte. Nach einem Zwischenjahr mit vielen Rückschlägen zog Wollitz personelle Konsequenzen und steht nun mit einer Mischung aus abgeklärten Routiniers und hungrigen Talenten auf Platz eins – der Aufstieg ist in Sicht. Und zum dritten Mal in Folge überstand der VfL die erste Hauptrunde im DFB-Pokal, diesmal schaltete man Bundesligist Borussia Mönchengladbach aus. 1,5 Millionen Euro zusätzlicher Einnahmen brachte der Pokal dem VfL seit 2004 in die Kassen.

Wollitz, als Spieler einst ein Wandervogel, kennt Hertha BSC. Er spielte dort mal selbst: 1993/94, zu Herthas Zweitligazeiten. Als in der vorigen Saison einige Osnabrücker Fans Front gegen Wollitz machten, setzte sich der Spielerrat vehement für den Verbleib des Trainers ein.

Auf der Ehrentribüne im Stadion an der Bremer Brücke wird heute auch ein Mann sitzen, der eigentlich mit dem Fußball abgeschlossen hat: Hartwig Piepenbrock, der ehemalige Mäzen und längst Ehrenpräsident.

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