• Der Golfball von Freiburg verursacht mehr als nur eine Platzwunde am Kopf des Münchners Oliver Kahn

Sport : Der Golfball von Freiburg verursacht mehr als nur eine Platzwunde am Kopf des Münchners Oliver Kahn

Martin Hägele

Was bewegt den Menschen dazu, überhaupt einen Golfball, einen gelben obendrein, mit ins Dreisamstadion zu bringen, und diesen dann, als die Partie zugunsten des FC Bayern München gekippt ist, Oliver Kahn an den Kopf zu werfen? Was hat besagter Zuschauer gedacht in den Augenblicken vor dem Spiel, als die Spieler des SC Freiburg, auch stellvertredend für ihr Publikum, den Fairneß-Preis des europäischen Fußball-Verbandes Uefa für vorbildliches Verhalten während der Saison 98/99 in Empfang genommen haben. Klatschte er mit? Oder spielte seine Hand da schon mit der Kugel in der Tasche?

Als Bundesliga mal wieder richtig toll war, als sich der Meisterschaftskanidat aus München mit den abstiegsbedrohten Freiburgen ein herrliches Spiel lieferte, zerstörte ein Chaot die Faszination des Saison-Finales. Dass die Partie überhaupt noch zu Ende gespielt werden konnte und nicht zwei Minuten vor Schluss abgebrochen wurde, ist wohl allein den Managern und Trainern beider Klubs zu verdanken. Uli Hoeneß und Andreas Rettig, Ottmar Hitzfeld und Volker Finke, sie brachten ihre Profis wieder halbwegs zur Räson, nachdem die klaffende Platzwunde und das Blut, das übers Gesicht des Nationaltorwarts lief, die Spieler auf dem Platz und die Zuschauer draussen nur noch rot sehen ließen.

Rettig und Finke haben sich entschuldigt für den durchgeknallten Fan, gesagt dass so etwas "ganz bestimmt nicht Freiburglike" sei. Hoeneß meinte, solch ein Verrückter könne sich auf jeder Tribüne einschleichen, auch in München. Hoeneß: "Dafür kann der SC Freiburg nichts, und man kann dieses Publikum deshalb nicht in Sippenhaft nehmen." Auch Ottmar Hitzfeld hat versucht, zu erklären. Das Wort "Hass", den Oliver Kahn der Galerie unterstellt hat, wollte er mit der Erregung des Opfers relativieren, "wenn er nur ein bißchen tiefer getroffen wird, am Auge, dann kann er blind sein."

Dass das Publikum an diesem Abend so ungewohnt aggressiv war, lag nicht nur an der Goliath-Rolle des Rekordmeisters. Die Freiburger hatten Angst, dass sie noch einmal so furchtbar lieb und nett absteigen werden wie vor drei Jahren. Dass der Deutsche Fußball-Bund die himmelschreienden Verstöße der Frankfurter Eintracht womöglich toleriert und, wie meistens im Leben, der Anständige am Ende gegen die geheimen Interessen des großen Kapitals auf der Strecke bleibt, diese Furcht steckt in allen Freiburger Köpfen. Und bei diesem Feindbild vermischt sich ziemlich viel. Der DFB, der die Schiedsrichter schickt. Die Bayern, die Deutscher Meister werden sollen, und bei den Unparteiischen ja schon immer einen Bonus besessen haben.

Klar, dass sie im Schwarzwald und gerade in dieser Lage zusammenstehen. Die Leute blieben im Stadion, und sie haben ihre Mannschaft beim Auslaufen frenetisch gefeiert. Zu Recht.Und trotzdem hat dieses Idyll einen schwarzen Fleck abbekommen. Es spricht für die Fairneß von Finke, dass er sich vom allgemeinen Geheule distanzierte. Er gehöre noch zu den Idealisten, die glauben, "auf die Dauer gleicht sich alles aus".

Sicher war es bitter, dass sein bravourös aufspielendes Team drei Minuten vor Schluß durch Scholls Elfmeter um einen hoch verdienten Punkt gebracht wurde. Diarras Gezerre an Sergio und dessen Trikot legte Schiedsrichter Kemmling ebenso streng aus wie den Haltegriff von Kuffour in der 18. Minute, als der letzte Mann in der Bayern-Abwehr den Franzosen Ramdane auf dem Weg zum Tor am Kragen gepackt hatte. Unprofessionelles Verhalten in beiden Fällen.

Die äußeren Umstände aber haben ein Spiel überschattet. Zurück bleibt in Freiburg nur Ärger. Das Dreisamstadion hat seinen Ruf als Idyll und Fußball-Festplatz verloren. Die Bayern aber werten diesen Abend als einen weiteren Wendepunkt im Titelkampf. Hier haben sie wieder die Tabellenführung übernommen. Und Mehmet Scholl, der Schütze des Siegtores, sagte: "Wenn man gesehen hat, wie wir mit zehn Mann gekämpft haben, darauf kann der Verein stolz sein.

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