Sport : Der Graf mit der Butterstulle

Vor 50 Jahren griff Wolfgang Graf Berghe von Trips in Monza nach dem Formel-1-Titel – und starb

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Tod bei Tempo 240. Wolfgang Graf Berghe von Trips (ganz in weiß) liegt vor der Parabolica leblos am Streckenrand. Foto: dapd
Tod bei Tempo 240. Wolfgang Graf Berghe von Trips (ganz in weiß) liegt vor der Parabolica leblos am Streckenrand. Foto: dapdFoto: dapd

Sebastian Vettel ist noch ein Kind, als er Wolfgang Graf Berghe von Trips das erste Mal begegnet. Der kleine Sebastian ist noch Jahre davon entfernt, als Formel-1-Weltmeister über die berühmte Strecke von Monza zu rasen. Er fährt auf der Kartbahn Kerpen, und „ganz hinten im Wald gab es eine Haarnadelkurve, die seinen Namen trug“, erinnert sich Vettel in „auto, motor und sport“. „Da hörte ich das erste Mal von ihm.“ Inzwischen weiß Vettel, dass er ohne den Namensgeber der Kurve wohl nie Weltmeister geworden wäre. Beim Großen Preis von Italien wird der Heppenheimer ihm heute ein weiteres Mal begegnen: wenn er durch jene Parabolica-Kurve fährt, vor der Wolfgang Graf Berghe von Trips vor genau 50 Jahren bei der Jagd nach dem WM-Titel starb.

Dabei wollte der rasende Adlige 105 Jahre alt werden, „um Zeit zu haben, alle Musik zu hören, die ich hören will, alle Bücher zu lesen, die mich interessieren, und alle Frauen zu haben, die ich mir wünsche“. Weniger interessiert Wölfchen, wie ihn seine Eltern nennen, das ländliche Familiengut im rheinischen Horrem, das er einmal übernehmen soll. „Ich kann nicht leben, ohne etwas zu wagen“, sagt er. Also geht er der Leidenschaft nach, die in ihm als Kind am Nürburgring erwacht ist, und fährt Rennen – erst auf zwei, dann auf vier Rädern. „Mich erinnern Autorennen an Ritterturniere und damit an meine Vorfahren“, sagt er, „ich brauche das.“ Um die Vorfahren nicht unnötig zu sorgen, startet er anfangs als Axel Linther.

Als sich bald darauf der Erfolg einstellt, kann von Trips seine Identität nicht mehr leugnen. Als Werksfahrer erst für Porsche und dann für Mercedes wird er auch im Ausland zum Star, vor allem wegen seines Auftretens. Der humorvolle und gebildete Lebemann schreitet stets mit flottem Scheitel und einem Lausbubenlächeln auf den Lippen durch die Welt und ist in den Nachkriegsjahren eine Art rasender Diplomat. In fließendem Englisch, Französisch und Italienisch wirbt er für die angenehmen Seiten der Deutschen. „Taffy war ein wahrer Gentleman“, sagt sein Kollege Stirling Moss. „Er kam aus einer guten Familie, war aber kein Snob.“ So beliebt ist er, dass ihm die Engländer gleich zwei Spitznamen geben: „Taffy“, weil er so furchtlos fährt, „Count Crash“, weil er es dabei anfangs etwas übertreibt.

Deswegen wird er 1959 auch von Enzo Ferrari aus dem Verkehr gezogen. Der hat es satt, dass ihm der schnelle deutsche Graf, der nie einen Führerschein gemacht hat, ständig die Autos demoliert. Die Erziehungsmaßnahme wirkt, und so darf von Trips bald wieder am Steuer essen. Wegen seines labilen Blutzuckerspiegels hat er immer eine dicke Butterstulle im Cockpit dabei.

Von Trips fährt nun umsichtiger. 1960 wird er WM-Sechster, in der Saison 1961 gewinnt er als erster Deutscher ein Formel-1-Rennen. Im überlegenen Ferrari siegt der 33-Jährige erst in Zandvoort in Holland und dann beim britischen Grand Prix in Aintree. Als es zur WM-Entscheidung nach Italien geht, liegt von Trips knapp vor seinem Teamkollegen Phil Hill aus den USA. Er muss nur Dritter werden, um den Titel zu holen.

In Monza startet der Rheinländer erstmals von der Poleposition, doch er verschläft den Start und fällt auf Platz sechs zurück. Am Ende der zweiten Runde hat er sich wieder auf Rang vier vorgekämpft, als er auf die Parabolica zufährt. Dabei bemerkt er nicht, dass der Lotus-Pilot Jim Clark zum Überholen ansetzt. Der Schotte hat weniger Benzin getankt und kann später bremsen. Bei Tempo 240 zieht der Deutsche zum Anbremsen der Kurve nach links, und beide kollidieren. Der Ferrari mit der Nummer vier schießt die Böschung neben der Strecke hinauf.

Von Trips fährt prinzipiell unangeschnallt. Ein Gurt sei zu gefährlich, findet er, und dass es „besser ist, herausgeschleudert zu werden, weil ja kein schützendes Dach vorhanden ist“. Diese Einstellung wird ihm zum Verhängnis: Er wird aus dem Wagen in den Drahtzaun geworfen und zurück an den Streckenrand, wo er leblos liegen bleibt. Sein Genick ist gebrochen, jede Hilfe kommt zu spät. „Er hatte keinen Kratzer am Körper“, erzählt Ferrari-Teamchef Romolo Tavoni, der seinem Piloten später im Krankenhaus die letzte Ehre erweist. „ Nur auf der Höhe des dritten Wirbels konnte man einen Bluterguss erkennen. Es war, als ob er noch lächelte.“ Mit dem Einzelkind stirbt sein sieben Jahrhunderte altes Rittergeschlecht.

Eine absurde Schicksalsvolte ist es, dass von Trips den 10. September 1961 wohl ohnehin nicht überlebt hätte. Seinen Eltern zuliebe hatte er eine Ausbildung zum Diplom-Landwirt gemacht und wollte später am Tag zu einer Agrarausstellung nach Chicago fliegen. Das Flugzeug stürzte ab, es gab keine Überlebenden.

Auch in Monza finden noch mehr Menschen den Tod. „Sollte ich einmal in einen Unfall verwickelt werden, bei dem Zuschauer sterben, dann möchte ich lieber auch tot sein“, hat von Trips einmal gesagt. Seine Worte werden traurige Wahrheit. Der verwaiste Ferrari wirbelt wie ein Rotor durch die eng am Zaun stehenden Menschen, 15 Zuschauer sterben, 60 werden verletzt. Es ist die bis heute größte Tragödie der Formel-1-Geschichte. Das Rennen geht trotz des Infernos ungebremst weiter. Phil Hill gewinnt und wird mit einem Punkt Vorsprung auf den toten Freund Weltmeister. „Ich wollte gewinnen“, sagt er später, „aber nicht um diesen Preis.“

Erst mehr als drei Jahrzehnte nach von Trips’ Tod wird ein Deutscher den Titel holen. Er stammt aus demselben Ort – Horrem ist da schon ein Stadtteil von Kerpen. Zufall? Eher nicht. Kurz vor seinem Unfall bringt von Trips aus den USA zwei Karts mit – diese Miniautos sind in Europa noch unbekannt. Nach seinem Tod gründen einige seiner Anhänger einen Motorsportklub zu Ehren ihres Idols und bauen eine Kartstrecke. Auf der lernen der junge Michael Schumacher und später auch Sebastian Vettel das Fahren. Die neunte Kurve der Bahn heißt noch heute Trips-Kurve.

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