Sport : Der grobe Mann fürs Feine

Thomas Gravesen will heute die Dänen mit seiner Spielkunst zum Sieg über die Tschechen führen

Sven Goldmann[Porto]

Morten Olsen ist ein freundlicher Mensch. „Was sollen wir groß ausrichten, wir sind nur ein kleines Land“, sagt der Trainer der dänischen Nationalmannschaft gern. Das suggeriert eine Bescheidenheit, die aber nur mit geografischen Argumenten zu rechtfertigen ist. Mit einer Fläche von 43 080 Quadratkilometern ist Dänemark ein Zwerg, kleiner ist von den Teilnehmerländern der EM nur die Schweiz (41 285). Wenn Olsen aber über Fußball spricht, ist es schnell vorbei mit der Zurückhaltung. Der Mann hält viel von seiner Mannschaft – sogar, wenn er den Gegner lobt. Etwa die Tschechen, mit der es die Dänen heute im Viertelfinale in Porto zu tun haben. „Die Tschechen spielen einen wunderbaren Fußball“, sagt Olsen. „Sie haben ausschließlich Leute, die Fußball spielen können und wollen – genau wie wir.“

Deutsche Fans mag es überraschen, dass der kreative Kopf im dänischen Spiel ein Mann ist, der sich in der Bundesliga nicht durchgesetzt hat. Thomas Gravesen, zwei Jahre beim Hamburger SV und eines bei Hansa Rostock beschäftigt, zieht in Portugal die Blicke auf sich. Das englische Massenblatt „The Sun“ nennt ihn „pitbull midfielder“, doch das wird seinem Stil nicht gerecht. Der 28-jährige Mittelfeldspieler mag mit seinem kahl geschorenen Kopf grobschlächtig wirken, aber er ist die gestaltende Figur im dänischen Spiel, ballsicher und mit Übersicht. Jeder Angriff läuft über ihn. Beim 2:0 über Bulgarien wurde er zum „Man of the Match“ gewählt, beim dramatischen 2:2 zum Vorrundenabschluss gegen Schweden verhinderte allein Jon Dahl Tomasson mit seinen zwei Treffern, dass Gravesen erneut ausgezeichnet wurde.

Auch Dietmar Beiersdorfer wird heute in Porto auf der Tribüne sitzen. Der Sportdirektor des Hamburger SV wird ein wenig traurig daran denken, dass sein Klub diesen Thomas Gravesen vor vier Jahren hat ziehen lassen. Von 1998 bis 2000 spielte der Däne beim HSV, wo sie heute noch von ihm schwärmen, allerdings weniger aus sportlichen Gründen. Gravesen ließ damals keine Party aus und erfand für sich selbst den Spitznamen „Hümörbömbe“. Auf dem Platz war sein Erfolg bescheidener. Gravesen wurde von Trainer Frank Pagelsdorf zu einem besseren Ausputzer umfunktioniert und durfte nie die verantwortliche Position im Mittelfeld besetzen. Als der HSV die Saison 1999/2000 als Dritter abschloss, saß Thomas Gravesen fast nur auf der Bank. Dann kam, mitten in der Vorbereitung auf die neue Saison, ein Angebot vom FC Everton, und von einem Tag auf den anderen war er weg.

Damals freuten sich die Hamburger über eine Ablösesumme von 2,5 Millionen Pfund, heute würden sie Gravesen gern zurückholen. Nach dieser Saison endet der Vertrag mit Everton. Gravesens Berater John Sivebaek hat angedeutet, dass er wohl nicht verlängert wird. Schon die geografische Nähe zu Gravesens Heimatstadt Vejle bringt den HSV in eine gute Verhandlungsposition. Falls Gravesen nach Hamburg zurückkehren sollte, dann nicht als Mann fürs Grobe.

Sein Image wird er dennoch nicht ganz ablegen können – was auch an der Bekanntschaft zu einem nicht gerade für seine Feinfühligkeit bekannten Zeitgenossen liegt. Als Gravesen einmal bei einem Länderspiel gegen Island zwei Tore gelangen, schaute Mike Tyson zu, der für einen Boxkampf gegen den Dänen Brian Nielsen nach Kopenhagen gekommen war. Tyson war so begeistert vom dänischen Glatzkopf, dass er für den Rest seines Aufenthaltes in Kopenhagen mit einem Thomas-Gravesen-Trikot herumlief.

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