Sport : Der größte aller Gurus

Udo Lattek wird heute 70 Jahre alt

Mathias Klappenbach

Berlin - Diese Selbstdarstellung liegt ihm nicht. Eine Autobiographie über sein abwechslungsreiches Leben hält Udo Lattek schlicht für überflüssig. Auch zu seinem 70. Geburtstag, den der einstige Fußballtrainer und jetzige Fernsehstammtisch-Experte heute feiert. „Wen soll das schon interessieren?“, sagte Lattek dem „Kicker“ über seine Geschichte. Diese Aussage verwundert. Aber nur im ersten Moment. Denn natürlich fügt Lattek noch etwas hinzu: „Mein Buch müsste authentisch sein. Und wenn es authentisch wäre, müsste ich wohl auswandern.“

Udo Lattek hätte viel zu erzählen. Von seinen 15 Titeln, die der große Motivator als Trainer gewonnen hat. Von seinen Engagements bei Bayern München, Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund und dem FC Barcelona in einer Zeit, als der Fußball noch nicht professionalisiert war und man noch etwas werden konnte, wenn man vor allem als Typ überzeugte. Weil er mit seinem Lehrerstudium nicht ausgelastet war, begann Lattek in den Fünfzigerjahren an der Kölner Sporthochschule den Fußballlehrer-Lehrgang, so nebenbei. Doch als das Einzelkind vom Bauernhof statt zum Unterricht lieber ins Schwimmbad ging und zu seinem Ausbilder Hennes Weisweiler sagte: „Rutschen sie mir doch den Buckel runter“, war der Lehrgang beendet. Einige Jahre später meldete sich Lattek wieder an.

Weisweiler war immer noch da, diesmal hielt sich Lattek an die Disziplin. Und, das war 1965 noch möglich: Direkt nach der Abschlussprüfung fragte der Prüfungsleiter und damalige Bundestrainer Helmut Schön den Absolventen Lattek, ob er nicht sein Assistent werden wolle. Nach vier Jahren beim Deutschen Fußball-Bund ging der in der Vereinsarbeit unerfahrene Trainer 1970 zu Bayern München. Mit dem aufstrebenden Verein holte er in fünf Jahren fünf Titel, darunter den Europapokal der Landesmeister. „Ich habe immer das Glück gehabt, zum richtigen Zeitpunkt beim richtigen Verein zu sein“, sagt Lattek heute. Er übernahm von Weisweiler die Gladbacher Borussia, wurde Meister und Uefa-Pokalsieger. Als sein 15-jähriger Sohn 1981 an Leukämie starb, ging Lattek nach Spanien, dort holte er Titel mit dem FC Barcelona. Den ständigen Streit mit ihrem aufbrausenden Trainer gewannen aber die Stars Diego Maradona und Bernd Schuster. „Ich war nie ein akribischer Arbeiter“, sagt der mit hochrotem Kopf beim sonntäglichen Fernsehstammtisch chronisch nörgelnde Lattek heute.

Dort polarisiert er, professionell und mit Genuss. Auf dem Niveau, das von ihm erwartet wird. Lattek weiß, was er tut. So schaffte er es auch, den FC Bayern Mitte der Achtzigerjahre noch einmal zu drei Meistertiteln in Folge zu führen. „Eine Mannschaft spielt immer so, wie ihr Trainer ist“, ist einer der vielen Kraftsprüche, mit denen Lattek sich selbst beschreibt. „Dickköpfig und streitlustig“ sei er immer schon gewesen. Doch diese Art kam irgendwann nicht mehr an. „In mir brennt kein Feuer mehr“, sagte Lattek 1992, nachdem er schon damit begonnen hatte, Kolumnen zu schreiben. Für diese „Guru-Tätigkeit“ mit seinen harten verbalen Rundumschlägen wurde er schon damals in der Fußballwelt angefeindet. „Echte Freunde hatte ich in der Bundesliga nie“, sagt Lattek. Zudem hieß es damals, er habe ein Alkoholproblem. Lattek selbst bezeichnete sich einmal als „Hans Albers des Fußballs. Der konnte auch einen heben. Aber wenn gearbeitet wurde, war er da.“

Als Technischer Direktor beim 1. FC Köln und als Trainer bei Schalke 04 hatte Lattek schließlich keinen Erfolg mehr. Aber so ganz hatte sich seine sperrige Motivationskunst doch nicht verbraucht. Als Borussia Dortmund 2000 vor dem Abstieg stand, schaffte Lattek zusammen mit Matthias Sammer den Klassenerhalt. Alleine das wäre schon eine interessante Geschichte. Auch ohne große Sprüche.

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