Sport : Der Größte, ganz selbstverständlich

In seinem Spätwerk zeigt Zinedine Zidane, warum die alten Heldengeschichten stimmen – und führt Frankreich ins Halbfinale

Armin Lehmann[Frankfurt am Main]

Raymond Domenech blieb seiner Linie treu. Schon im Laufe des Turniers hatte sich Frankreichs Trainer angewöhnt, sein großes Talent für die Bühne auch bei der WM zu demonstrieren und Fragen immer mit einer kleinen Show zu beantworten. Ob ihn die Leistung von Zinedine Zidane überrascht habe, wollte jemand wissen. Domenech zauberte sein größtes Fragezeichen auf sein Gesicht und sagte: „Zidane? Nein, warum? Er ist Zidane!“

Natürlich! So einfach war die Antwort nach diesem großartigen Spiel Zidanes und dem 1:0 (0:0)-Sieg über Weltmeister Brasilien. Einerseits. Andererseits war es eben doch ein Wunder, wie dieser 34-jährige Mann, Welt- und Europameister, längst Fußballlegende, bei seiner letzten WM noch einmal demonstrierte, wozu er allein fähig ist. Domenech wollte auf Zidane auch deshalb nicht weiter eingehen, weil er den entscheidenden Grund für den Sieg „bei allen Spielern“ sah und in der „immensen Solidarität auf dem Platz“. Damit hatte Domenech durchaus Recht, und auch das war überraschend, weil die Franzosen bis zum Abschluss der Vorrunde genau diesen Beweis, eine Mannschaft zu sein, schuldig geblieben waren. Trotzdem gab es da noch einen Unterschied: Und der hieß eben Zidane, „unser Feldherr“, wie es Fabien Barthez ausdrückte.

Es sind wie immer die kleinen Geschichten des Spiels, die erklären, warum man Zinedine Zidane hervorheben muss. Seinen ersten Zweikampf des Spiels beispielsweise gewinnt Zidane mit einem plötzlichen Sprint zum Ball, den man ihm nicht mehr zugetraut hätte. Er verliert den Ball beinahe gegen zwei Brasilianer, behauptet ihn im letzten Moment, befreit sich aus der Bedrängnis und passt nach vorn. Immer wieder gab es diese Szenen im Spiel, sie sind das Signal an die Mannschaft.

Zizou, wie man diesen großen Bären nennt, tritt also an, als wäre er noch 25 oder irgendwie beseelt von einer unbekannten Macht, die ihn geschwind vorbeiträgt an den Brasilianern. In einer anderen Szene, als sich Ronaldinho den Ball auf der rechten Seite zum Freistoß zurechtlegt, brüllt Zidane seine Leute geradezu zusammen. Dann weist er ihnen ihre Positionen zu und wartet selbst als Ein-Mann- Mauer auf den Schuss. Danach bekommt er den Ball aus der Abwehr zugespielt und rennt los, vier Brasilianer können ihn nicht stoppen, er spielt noch einen herrlich sanften Pass auf Vieira, doch der wird per Foul gebremst.

In diesen Momenten flackerten die alten Heldengeschichten des Zinedine Zidane wieder auf. Das Halbfinale der EM 2000 gegen Portugal beispielsweise, den nächsten Gegner der Franzosen bei dieser WM. 117. Minute, 1:1, Handelfmeter für Frankreich. Tumulte, Diskussionen. Nur einer steht abseits und wartet. Zinedine Zidane schießt den Elfmeter und seine Mannschaft zum Sieg. Im ersten EM-Spiel gegen England 2004 liegt man 0:1 zurück. In der Nachspielzeit schießt Zidane zwei Tore!

Dieses Mal trifft Zidane nicht selbst, doch seine Vorarbeit auf Henry geht trotzdem in die Geschichte ein. Noch nie zuvor hatte Henry nach einem Pass von Zidane ein Tor erzielt. In der 57. Minute ist es so weit, und die Brasilianer helfen noch nach, indem sie beim Freistoß von Zidane den Stürmer des FC Arsenal völlig alleine am hinteren Pfosten stehen lassen. Später sagten natürlich auch die Brasilianer, dass sie nicht überrascht gewesen seien von Zidanes Leistung. Das stimmte, sie waren geschockt. Eigentlich wollten sie endlich einmal schönes Kombinationsspiel zeigen, hatten extra dafür Ronaldinho als Anspielstation in die Spitze neben Ronaldo befördert und neben Kaka auch Juninho Pernambucano als Offensivstütze aufgestellt. Doch die Franzosen beeindruckten auch mit einer grandiosen Defensivarbeit. Die Passspieler wurden schon früh von Makalele und Vieira gestört, hinter ihnen absolvierten, wie alle anderen Franzosen auch, die Innenverteidiger Thuram und Gallas ihr bestes Spiel.

Wenn es aber nach vorne ging, stand Zinedine Zidane überall als Anspielstation bereit. Er übernahm die Verantwortung mit einer solchen Selbstverständlichkeit, wie es nur die allergrößten Fußballer können. Als die Brasilianer ihre letzten Chancen verpasst hatten und das Spiel vorbei war, ließen sich die Franzosen von ihren Fans feiern. Zidane ging kurz mit hinüber in die Kurve, klatschte ein paarmal in Richtung der Zuschauer und drehte dann als Erster ab. Die Kameras blieben an seinem Gesicht hängen, das wie immer aussah, als sei es extra für diese Momente erschaffen worden: diese klaren Linien, die Kantigkeit, die nichts anderes als Zidanes Willen widerspiegeln.

Was jetzt noch kommen kann, Zizou? „Nun, wir werden losziehen und versuchen, den Pokal zu gewinnen.“

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