Sport : Der große Meister

Martin Hägele

München. Ottmar Hitzfeld hatte es eilig, in die Ferien zu kommen. Ein Samstagabend ohne klubinterne Verpflichtungen, ein freier Sonntag und Montag sind außergewöhnliche Kurzurlaube beim FC Bayern und wohlverdient, wenn ein Team 19 Spiele in Bundesliga, DFB-Pokal sowie in der Champions League ungeschlagen absolviert hat. Eine solche imponierende Serie lebt nicht nur von Highlights, es gehören auch Gedulds- und Willensübungen dazu wie beim 3:0 gegen den Hamburger SV. Allerdings musste das Ensemble des Rekordmeisters erst einmal Müdigkeit und Verletzungen überwinden, ehe sich nach einer zähen Stunde dann doch der "Supercharakter der Mannschaft durchsetzte". Im Stil eines Nachrichtensprechers trug Hitzfeld seine Analyse vor, nicht einmal bei den schlechten Meldungen veränderte er seinen Tonfall. Santa Cruz habe einen doppelten Bänderriss am rechten Knöchel erlitten, "er wird zwei Monate ausfallen, dabei war er gerade in Hochform".

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Hitzfeld hielt sich nicht mit tröstenden Floskeln für den 20-Jährigen auf. Ebenso wenig Zeit verlor er mit der Laudatio auf den zweifachen Torschützen Pizarro, der nun den augenblicklich pausierenden Elber als Nummer eins der Torjägerliste überholt hatte. "Er hat sich freigeschwommen", sagte Hitzfeld ganz nüchtern, "er hat eine sensationelle Quote". Acht Tore hat der Neue aus Bremen in zehn Bundesliga-Partien erzielt, dabei spielte der Peruaner nur fünf komplette Spiele. Es sind beeindruckende Zahlen. Genauso wie die Tordifferenz von 30:4. Die Ziffern vor dem Doppelpunkt verraten genauso wie die dahinter die ungeheure Stärke und die Dominanz eines Anführers, wie sie die Bundesliga Jahre nicht mehr gesehen hat.

Könnte es sein, dass im Augenblick die Seriensieger von der Säbener Straße abheben aus der nationalen Sphäre? Es mag unbewusst passieren, aber warum vergisst Pizarro, der Mann des Tages, beim Interview einfach den HSV, spricht nur vom "Gegner" oder über die Verteidigung "der anderen Mannschaft", die ihnen eine Stunde lang das Leben schwer gemacht habe? Gerade mal ein Jahr ist es her, dass Deutschland noch mit Hamburg in der Champions League zitterte. Und nur ein paar Wochen, nachdem in den Blättern der Hansestadt der Tiroler Kurt Jara als Wiedergeburt des legendären Ernst Happel gefeiert wurde, haben schon zwei Niederlagen gereicht, um die überzogenen Träume vom Revival des Uwe-Seeler-Klubs und großen Bayern-Rivalen aus dem Norden platzen zu lassen.

An die sportliche Klasse von Hrubesch, Kaltz und Co., die Ende der Siebziger- bis Mitte der Achtzigerjahre das Gegengewicht zu den Münchnern bildeten, werden deren Nachfolger auch in der nächsten Dekade nicht herankommen. Auch wenn der HSV-Vorstand und Liga-Präsident Werner Hackmann am Samstagabend allem Fußballverstand zum Trotz schwadronierte: "Einen Punkt hätten wir holen können, mindestens." Wohin führt so viel Ahnungslosigkeit? Ins Mittelmaß? Oder ins Abseits?

Um Bayern München dagegen dreht sich die Fußballwelt. Mit Manchester United gastiert beim Champions-League-Duell der einzige Klub, der noch mehr Millionen auf dem Konto hat. Das reicht zur Motivation. Aber auch im Alltag ist die Gefahr nicht groß, dass die Chefs der Liga ihre Souveränität verlieren. Beim Gastspiel in Bremen in zwei Wochen erwachen die alten Feindbilder. Und obwohl der 1. FC Nürnberg zum Monatsabschluss aus der Absteigerzone anreist, wird allein der Derby-Charakter dafür sorgen, dass die Global Player richtig Gas geben. Dem goldenen Oktober des FC Bayern München könnte ein noch besserer November folgen.

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