Sport : Der große Schreck des Stephen Rafter

JÖRG ALLMEROTH

NEW YORK .Der Agent der Marketing-Agentur IMG, der vier Wochen vor den US Open die Einschreibliste für das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres überflog, traute seinen Augen nicht: Ausgerechnet der Mann, der 1997 in einer triumphalen Anstrengung den ersten großen Pokalcoup seiner Karriere in Flushing Meadow gelandet hatte, ausgerechnet Patrick Rafter fehlte auf dem kurz vor Meldeschluß veröffentlichten Papier.Der geschockte IMG-Vertreter kontaktierte sofort Rafters älteren Bruder Stephen, der daheim in der australischen Provinzstadt Mount Isa als eine Art Büroleiter in der Tennis-Firma des Weltstars fungiert.Er habe die "Pflichtmeldung schlicht vergessen", stammelte Stephen Rafter und faxte unmittelbar nach dem Gespräch das dringend erforderliche Dokument nach New York - genau eine halbe Stunde vor der endgültigen Deadline.

"Wenn es ein bißchen dumm gelaufen wäre, hätte ich hier in New York gar nicht antreten können", meinte Patrick Rafter am Sonntagabend, kurz nachdem er seinen US-Open-Titel mit 6:3, 3:6, 6:2, 6:0 gegen seinen Landsmann Mark Philippoussis erfolgreich verteidigt hatte, "das wäre teuer geworden für meinen Bruder." Seit jenem bedrohlichen Moment vor knapp einem Monat, als Rafters Mitwirken beim Grand-Slam-Spektakel im "Big Apple" auf der Kippe stand, wirkte der 25jährige Publikumsliebling nur noch wie ein Günstling des Schicksals: Mit Siegen bei den Vorbereitungsturnieren in Toronto, Cincinnati und New Haven überwand Rafter eine monatelange Formkrise.Und in seinem ersten US-Open-Match gegen den Marokkaner Hicham Arazi gelang Rafter nach 0:2-Satzrückstand und 1:3 im dritten Durchgang das Comeback eines Entfesselungsartisten.

Er habe "anfangs verdammt viel Massel" gehabt beim Projekt Titelverteidigung, sagte Rafter, "gegen Arazi war ich eigentlich schon auf dem Heimweg".Doch nach der heiklen Premiere geriet der amtierende Champion in einen wahren Spielrausch und war nicht mehr zu stoppen: Selbst schwierigste Herausforderungen gegen Goran Ivanisevic und den weltbesten Returnspieler Jonas Björkmann meisterte der Australier souverän."Ich habe in den letzten zehn Jahren keinen Spieler gesehen, der in New York so gut gespielt hat", befand TV-Plauderer John McEnroe, der Rafter im Frühling noch einen verbalen Kinnhaken mit der Bemerkung verpaßt hatte, er sei ein "One Slam Wonder".Am Sonntag abend leistete "Big Mäc" am CBS-Mikrofon demütig Abbitte: "Ich habe mich geirrt.Patrick hat Charakter, er wird weitere große Titel holen."

In New York, am Abend des zweiten, eher still genossenen Triumphes, fand Rafter, die "schmerzlichen Erlebnisse" im ersten Halbjahr hätten auch "ihr Gutes" gehabt: "Das formt deine Statur als professioneller Athlet." Es war gewachsene berufliche Sicherheit, die den ehemals labilen Rafter im Finale auch über seinen Konkurrenten Philippoussis erhob: Während Rafter die Aufgabe abgeklärt anpackte, konnte der 22jährige Endspieldebütant sein Lampenfieber nie abschütteln.Freilich wären im Finale auch ganz andere Stars an Rafter verzweifelt.Pete Sampras, im Halbfinale von Rafter besiegt, sagte: "Pat ist der Mann der Stunde."

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