Sport : Der große Sieg kann warten

Bundestrainer Klinsmann ist der Gewinn des Confed-Cups wichtiger als ein Erfolg gegen Argentinien

Michael Rosentritt[Herzogenaurach]

Für gewöhnlich nimmt das Leben im fränkischen Hinterland keinen allzu aufregenden Lauf. Aber was ist schon gewöhnlich an dieser Niederlage der Brasilianer beim Confed-Cup? Dadurch haben die Dinge einen neuen, so nicht einkalkulierten Dreh bekommen. Aufregung herrscht in Herzogenaurach. Dorthin hat es nämlich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verschlagen, die heute in Nürnberg ihr letztes Gruppenspiel gegen Argentinien austrägt (20.45 Uhr, ARD live). Und so steht die deutsche Delegation vor einer Gewissensfrage: Soll sie jetzt das eine Spiel oder besser doch das ganze Turnier gewinnen?

Die Sache ist nämlich die: Eigentlich wollte die deutsche Elf Brasilien bis zum Finale aus dem Weg gehen. Das allerdings immer in der Annahme, der fünfmalige Weltmeister würde sich als Erster seiner Gruppe für das Halbfinale qualifizieren und somit auf den Zweiten der anderen Gruppe treffen. Dem wären die Deutschen schon mit einem Unentschieden gegen Argentinien aus dem Weg gegangen. Das Dumme ist jetzt aber: Die Deutschen können als Erster aber auch als Zweiter auf Brasilien treffen.

Was also tun? Spekulieren und gucken, was die Brasilianer machen, die am Mittwoch gegen Japan spielen? Joachim Löw betrachtet diese Angelegenheit gelassen und sagt: „Wir wollen gegen Argentinien gewinnen.“ Was soll der Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann auch öffentlich anderes sagen. Schließlich war das noch vor Brasiliens Niederlage der kleinste gemeinsame Nenner.

Schließlich ist da die große Sehnsucht der Deutschen, endlich mal wieder und möglichst schnell einen Großen des Fußballs zu schlagen. Diese Sehnsucht trägt eine ganze Nation seit dem 1:0-Sieg im WM-Qualifikationsspiel in England vor fast fünf Jahren mit sich rum. Seit dem Tor von Dietmar Hamann im Wembley-Stadion im Oktober 2000 gelang der deutschen Elf in elf Länderspielen gegen große Gegner kein einziger Sieg mehr. „So ein Sieg wäre unheimlich wichtig für das Selbstbewusstsein“, sagt Löw, „wir würden das Publikum überzeugen und wichtige Sympathiepunkte in Richtung 2006 sammeln.“ Hier beginnt das eigentliche Problem. Soll die Mannschaft alles daran setzten, die Sehnsucht der Landsleute kurzfristig zu stillen und mit einem Kraft raubenden Sieg über Argentinien Gefahr laufen, ausgelaugt im Halbfinale anzutreten und womöglich auszuscheiden? Wem wäre damit gedient?

Argentinien schlagen und Halbfinale und Endspiel gewinnen – das wäre optimal, aber wohl ein wenig viel verlangt von der unerfahrenen deutschen Mannschaft. Die Duelle mit Australien und Tunesien haben viel Kraft gekostet. Löw spricht von „gewissen Verschleißerscheinungen“ bei einigen Spielern. Es könne daher sein, „dass wir auf einigen Positionen etwas ändern“.

Der Weg zur Lösung aller Probleme führt über Timo Hildebrand. Der Stuttgarter steht heute im Spiel gegen Argentinien im deutschen Tor, und das ist mehr als ein dezenter Hinweis auf die Prioritäten des Bundestrainers. Hildebrand ist die Nummer drei unter den deutschen Torhütern und hat die zweifelhafte Erfahrung von einem halben Länderspiel gegen Rumänien (1:5) und von 90 Minuten gegen Thailand in den Händen. Klinsmann hat beschlossen, dass Jens Lehmann das Halbfinalspiel bestreitet und Oliver Kahn das letzte Turnierspiel. Die mit der neuen Ausgangslage einhergehende Prämissenverschiebung im deutschen Team könnte sogar so weit führen, dass der Bundestrainer seinen Kapitän schont. Michael Ballack ist mit einer Gelben Karte vorbelastet und wäre nach einer zweiten Verwarnung (Löw: „Das geht heute ganz schnell“) für das wichtige Halbfinale gesperrt. Da aber die Verwarnungen aus der Vorrunde gestrichen werden, könnte Michael Ballack in jedem Falle auch das letzte Turnierspiel bestreiten. Und damit ist nicht das Spiel um Platz drei gemeint.

Jürgen Klinsmann will ins Finale einziehen, er will dieses Turnier gewinnen. Dazu muss sein Team einen großen Gegner schlagen. Vielleicht Brasilien, vielleicht auch Argentinien. Aber nicht mit aller Macht heute Abend in Nürnberg.

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