Sport : Der große Tag des kleinen Bruders

Außenseiter Ralf Schumacher siegt auf dem Nürburgring, Weltmeister Michael fährt auf Platz fünf

Hartmut Moheit

Nürburgring. Wie überholt man Michael Schumacher? Juan Pablo Montoya hat am Sonntag allen Fahrern in der Formel 1 gezeigt, dass es geht. Beim Großen Preis von Europa auf dem Nürburgring war sein Manöver in der 43. Runde eine Schlüsselszene. Während Ralf Schumacher an der Spitze ein einsames Rennen zum Sieg fuhr, schaffte es Montoya in der Dunlop-Kurve sogar, außen am Weltmeister vorbeizufahren. „Ich weiß nicht, was mit Michael los war. Ich habe ihm genügend Platz gelassen“, sagte der Kolumbianer zu der Situation, die sogar noch ein Nachspiel in Form einer offiziellen Überprüfung durch die Rennleitung hatte.

Der Weltmeister im Ferrari zog trotz genügend Platz nach außen, berührte daraufhin den BMW-Williams und drehte sich anschließend im Sand. Es war eindeutig Schumachers Schuld. Schon bei der Pressekonferenz unmittelbar nach Rennende konnte Montoya auf die entsprechenden Beweisfotos schauen, und er amüsierte sich köstlich darüber: „Das ist doch wohl eindeutig, oder?“ Schumacher räumte ein: „Juan war schneller und hätte mich ohnehin bald überholt.“ Da aber der Motor von Michael Schumachers Auto nach dieser Aktion nicht aus war, schoben vier Helfer den Champion wieder auf die Rennstrecke. So wurde Michael Schumacher hinter Bruder Ralf, Montoya, Rubens Barrichello und Fernando Alonso noch Fünfter. Mit den vier neuen WM-Punkten vergrößerte er den Vorsprung in der WM-Gesamtwertung auf Kimi Räikkönen auf sieben. Zudem durchbrach der Weltmeister als erster Fahrer der Formel-1-Geschichte die Schallmauer von 1000 WM-Punkten. Er hat jetzt 1003 Zähler auf dem Konto

Während BMW-Williams am Tag vor Ralf Schumachers 28. Geburtstag ausgelassen den großen Tag des kleinen Schumacher-Bruders feierte, wurden immer noch zwei Szenen heftigst diskutiert. Durfte der Ferrari wirklich angeschoben werden? Einen ähnlichen Vorfall hatte es 1989 schon einmal gegeben, beim vorletzten Saisonrennen in Suzuka zwischen Ayrton Senna und Alain Prost. Damals wurde Senna angeschoben – und siegte später. Senna wurde disqualifiziert und Prost Weltmeister. Ähnliches muss Schumacher nicht befürchten: Die Rennkommissare bewerteten den Zusammenstoß als „normalen Rennunfall“. Damit ändert sich auch nichts mehr am Ergebnis.

Zum Zeitpunkt des spektakulären Überholmanövers hatte sich Kimi Räikkönen schon von seinen Chefs Norbert Haug und Ron Dennis verabschiedet. Die Szenen, als nacheinander beide den Finnen in den Arm nahmen und über den Kopf streichelten, sagten alles über seinen Gemütszustand aus. Von der Poleposition aus war Räikkönen eindeutig auf Siegkurs, fuhr auch die schnellste Runde des Rennens überhaupt, und musste schließlich alle Hoffnungen auf die WM-Führung in einer langen Rauchfahne verschwimmen sehen. In der 36. Runde war im McLaren-Mercedes der Motor geplatzt. Sein Teamkollege David Coulthard schied auf Rang fünf liegend ebenfalls aus. Fernando Alonso ließ ihn regelrecht auffahren, als er vor der Schikane früher als nötig bremste. Coulthard verhinderte den Crash gerade noch, landete mit den Reifen jedoch im tiefen Kiesbett. Ungewollt half er damit Michael Schumacher, der ansonsten nur Sechster geworden wäre. Aber was bedeutet schon dieser eine Punkt. Juan Pablo Montoya ist es zu verdanken, dass die WM 2003 noch lange nicht entschieden ist. Die Frage ist, ob der Kolumbianer bei den noch ausstehenden sieben Rennen einen Nachahmer findet.

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