Sport : Der große Weise und Mr. Spock

Karin Sturm

Die Formel 1 fährt in Brasilien auf neuem Streckenbelag - doch Eddie Irvine weiß davon nichtsKarin Sturm

Eddie Irvine war gestern noch nicht in São Paulo. Erst heute soll er zum Grand Prix von Brasilien eintreffen. Dennoch meint der Nordire, über den Kurs von Interlagos aus Erfahrungen vergangener Starts in der Formel 1 bestens Bescheid zu wissen. Auch aus einer Distanz von 10 000 Kilometern. "Der Belag der Strecke ist genauso löchrig und wellig wie die Straßen in São Paulo", regt sich der 34-Jährige in der offiziellen Vorschau seines Jaguar-Teams auf. Irvine ist bekannt dafür, dass er nie ein Blatt vor den Mund nimmt. Warum sollte er es diesmal tun? Wo er es doch seiner Meinung nach ohnehin mit einem chaotischen, unterentwickelten, halben Dritte-Welt-Land zu tun hat ...

Doch diesmal hat sich der flotte Eddie mit seinen Sprüchen nur selbst blamiert - sich und sein Team. Denn in der heutigen hochtechnisierten Formel 1 mit all ihren Kommunikations-Sponsoren ist man zwar in der Lage, Millionen für neueste Elektronik-Entwicklungen oder permanente Satelliten-Datenleitungen an den Rennwochenenden von der Strecke in die Heimat-Basis zu investieren. Aber für ein simples Telefongepräch zwischen Europa und Sao Paulo im Vorfeld scheint es nicht zu reichen. Denn sonst wäre längst registriert worden, dass die ganzen Bedenken über den buckligen Asphalt von Interlagos längst keine Grundlage mehr haben. Nach vielen vergeblichen Ausbesserungsversuchen nach dem Motto ein Stückchen hier, ein Fleckchen dort in den vergangenen Jahren wurden diesmal nämlich - eher unbrasilianisch - ganze Arbeit geleistet. Der komplette Kurs bekam eine neue Asphaltdecke. Eine britische Firma mit deutschem Maschinenpark sorgte für modernstes Know-How, und jetzt, betont Streckenchef Charles Montagner stolz, "haben wir neben Malaysia und Silverstone eine der besten Strecken überhaupt."

Ein bis zwei Sekunden schneller als bisher würden die Rundenzeiten mit Sicherheit dadurch, "dass die Buckel weg sind und man die Autos jetzt ganz anders abstimmen kann", erwartet der brasilianische Sauber-Pilot Pedro-Paulo Diniz, der die neue Beschaffenheit schon begutachtete. Aber nicht nur an Jaguar, auch an Benetton, BMW-Williams oder BAR - trotz des Brasilianers Ricardo Zonta im Team - schien diese Neuigkeit im Vorfeld unbemerkt vorübergegangen zu sein. Auch sie lamentierten in ihren Pressemitteilungen ähnlich wie Irvine über den Streckenbelag. Wenn sie danach mit falschem Datenmaterial und damit fehlerhafter Grundabstimmung ins erste Training am Freitag gehen, könnte sich die Unaufmerksamkeit in Zeitverlust und Mehrarbeit bitter rächen. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben, auch in der Formel 1.

Apropos spät: Spät dran - und da wird es dann doch wieder typisch brasilianisch - war man hier natürlich schon mit den Streckenarbeiten, die ja neben dem neuen Belag unter anderem auch eine erhebliche Vergrößerung des Fahrerlagers brachten. Als die ersten Teams am Sonntag und Montag ihre Autos in die neuen Boxen rollten, taten sie das auf den Resten einer Baustelle zwischen übrig gebliebenen Stein- und Sandhaufen. Kein Wunder, denn erst vor wenigen Wochen begannen die Bauarbeiten. Doch Skeptikern raunte der Bürgermeister Celso Pittá nur zu: "Was soll die Kritik, wenn wir drei Tage vor dem Rennen fertig sind, dann reicht das." Pittá, derzeit in mehr als eine Korruptionsaffäre verwickelt und kurz vor der Amtsenthebung stehend, hat andere Probleme. Das Wichtigste wurde aber trotzdem fertig. Nur, Eddie Irvine und viele seiner Kollegen hätten es ja sowieso nicht vor ihrer Ankunft mitgekriegt. Die Ausnahme: Im Gegensatz zu seinem vorjährigen Teamkollegen Irvine hat Michael Schumacher von dem "neuen" Interlagos schon etwas gehört. Als in Melbourne in seiner Nähe eine Bemerkung zu diesem Thema fiel, wurde der Ferrari-Star zu Mister Spock. Er spitzte die Ohren und fragte nach. Auch das ist ein Unterschied zwischen einem echten Champion und dem Möchtegern-Weltmeister.

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