Sport : Der große Wurf

26 Jahre nach dem WM-Titel streben Deutschlands Handballer nach Gold bei der EM

Klaus Rocca

Koper. Eigentlich ist Vlado Stenzel für großspurige Sprüche bekannt, aber bei einem Thema hielt er sich vor geraumer Zeit zurück. Ob er denn damit rechne, dass 2004 das große Jahr für Deutschlands Handballer werde, wurde Stenzel gefragt, als im Bahn Tower am Potsdamer Platz das Weltmeisterschafts-Silber von Portugal begossen wurde. „Ich bin Magier und kein Prophet“, sagte Stenzel. Magische Kräfte bescheinigten ihm einige, seit Stenzel vor nun schon fast 26 Jahren eine goldene Pappkrone aufgesetzt wurde, weil er Deutschlands Handballer in Kopenhagen zum WM-Titel geführt hatte. Einer, der ihn damals in der Bröndby-Halle auch auf die Schultern gehoben hatte, war Heiner Brand. Der aktuelle Bundestrainer soll 2004 dafür sorgen, dass die Deutschen, 24 Jahre nach dem Olympiasieg der DDR in Moskau, endlich wieder einen großen Titel gewinnen.

Zwei Gelegenheiten bieten sich dafür an: Die Olympischen Spiele in Athen und die heute beginnende Europameisterschaft. Die deutsche Mannschaft startet heute (20.25 Uhr, live im DSF) in das Turnier. Eigentlich hätte Brand noch etwas Zeit, den großen Coup zu landen, denn sein Vertrag als Bundestrainer läuft noch bis 2008. Dann wird in Peking olympisches Gold vergeben. Doch wer bei den letzten Welt- und Europameisterschaften Silber gewann, muss damit leben, an Höherem gemessen zu werden. Und schließlich wird die Zeit auch deshalb etwas knapper, weil nach Athen mit Stefan Kretzschmar, Volker Zerbe und Christian Schwarzer drei Spieler ihre Karriere beenden werden, die in den letzten Jahren nach vielen Tiefs für die Höhepunkte gesorgt haben. Die auch von der deutschen Handballgemeinde gebührend honoriert wurden.

Gewiss, mit den Fußballern können sich die Handballer nicht messen, sie wollen es auch gar nicht. Doch ein Marktforschungsinstitut hat ermittelt, dass sich in Deutschland 31,5 Millionen Menschen für das Spiel mit dem kleineren Ball interessieren. Das letzte WM-Endspiel in Lissabon gegen Kroatien verfolgten 4,3 Millionen am Fernsehschirm, was einem Marktanteil von 14,3 Prozent entsprach. Und beim Halbfinale gegen Frankreich gab es eine bessere Fernsehzuschauer-Quote als bei der Zusammenfassung des Fußball-Bundesliga-Spieltages auf Sat 1 am selben Tag.

Und auch in der wohl stärksten Liga der Welt, wozu freilich auch die Ausländer ihren Teil beitragen, haben sich die Erfolge ausgezahlt. Natürlich auch durch die Vereine selbst, die jetzt mit Lemgo, Kiel und Flensburg-Handewitt schon wieder das Achtelfinale der Champions League erreicht haben. In der Vorsaison gab es mit 1,18 Millionen Besuchern bei den Bundesligaspielen einen Rekord, derzeit ist man schon wieder bei 663 000, auch dank solcher Hallen wie der Kölnarena und der Color Line Arena in Hamburg.

Auch im Fernsehen boomt Handball. 960 000 Zuschauer sahen kürzlich das Nordderby zwischen Kiel und Flensburg, im Durchschnitt verfolgten 380 000 die elf Übertragungen im DSF. Zum Vergleich: Beim Basketball sind es im Schnitt knapp über 100 000.

„Wir haben es in der Hand, den Boom noch zu verstärken“, sagte Brand, der mit seiner Mannschaft im 25 000-Einwohner-Ort Koper an der Adriaküste, nur wenige Kilometer vom italienischen Triest entfernt, Quartier bezogen hat. Doch es wird schwer, nicht nur wegen der Ausfälle von Stefan Kretzschmar und Frank von Behren. Die Konkurrenz ist stark. Nicht weniger als elf der 16 Teams können sich Hoffnungen machen, Nachfolger des amtierenden Europameisters Schweden zu werden.

Dass einige Länder mit Blick auf Athen ihren Stars eine Auszeit gönnen, könnte die Aufgabe der Auswahl des Deutschen Handball-Bundes erleichtern. So schonen die Spanier Talant Duschebajew, die Franzosen Jackson Richardson. „Es wird trotzdem knüppelhart“, glaubt Brand. Eine Prognose wollte er nicht abgeben. Da hält er es mit seinem Vorgänger Vlado Stenzel.

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