Sport : Der große Wurf

Pittsburgh feiert seinen fünften Superbowl und den Abschied einer Ikone

Jens Könemann[Detroit]

Jerome Bettis hatte Tränen in den Augen und hielt die Vince-Lombardi-Trophy fest gedrückt an seinen kräftigen Körper. Der Runningback von den Pittsburgh Steelers feierte einen Abschied, wie in sich wohl jeder Footballer wünscht. In seiner Heimatstadt Detroit stand der 33-Jährige auf dem Spielfeld und bejubelte nach dem Sieg der Pittsburgh Steelers im 40. Superbowl seinen ersten Titel. Bettis hat seinen würdigen letzten Auftritt – und die National Football League ihre Diskussionen. Denn nach dem 21:10-Erfolg der Steelers samt ihrer Ikone Bettis gegen die Seattle Seahawks fragten sich viele Analysten, wie die Begegnung ausgegangen wäre, wenn die Schiedsrichter ihren Job etwas besser gemacht hätten.

Natürlich passte formal alles: der Vorzeige-Steeler Bettis, jener freundliche, fleißige Teddybär aus Detroit, kommt im letzten Spiel seiner Karriere ausgerechnet in seine Heimstatt. Dort wo er eigentlich nie angekommen wäre, hätte er wie geplant seine Karriere vor einem Jahr beendet. Doch der junge Quarterback Ben Roethlisberger motivierte ihn zu einer weiteren Saison und versprach ihm: Ich bringe dich nach Detroit ins Endspiel. Dort stand nun der „Bus“ – so sein Spitzname in der NFL wegen seiner kräftigen Statur – unter dem Jubel der 68 209 Fans, davon 40 000 mit dem gelben Handtuch der Steelers in der Hand, und verkündet, dass er „in Detroit seinen letzten Haltepunkt erreicht hat“ und nun aufs Altenteil geht: „Das ist jetzt so offiziell wie der Pfiff eines Schiedsrichters.“ Zehn Tage vor seinem 34. Geburtstag.

Das Rührstück hatte am Sonntagabend nur einen schalen Beigeschmack. Denn die sieben Referees unter dem erfahrenen Bill Leavy waren ähnlich schwach wie das musikalische Programm rund um den Superbowl, übten aber mehr Einfluss auf die Hauptangelegenheit des Abends aus. Denn der routiniert-emotionslose Auftritt der Rolling Stones in der Halbzeit und der melodische Fehlgriff von Aretha Franklin vor Spielbeginn bei der US-Nationalhymne lassen sich schnell vergessen. Die Leistungen der sieben Schiedsrichter hingegen werden die Footballfans noch ein paar Tage beschäftigen. Zu einseitig waren die Entscheidungen.

Dabei geht es nicht um solche Lappalien wie die Frage, ob der Ball nun tatsächlich mehrmals zu Ungunsten der Seahawks platziert worden war. Es geht um zwei Touchdowns und zwei Raumstrafen – alle gegen die Seahawks entschieden und in mindestens drei Fällen falsch. Zunächst erkannten die Schiedsrichter einen Touchdown von Darrell Jackson im ersten Viertel nicht an, weil der angeblich seinen Gegenspieler weggedrückt haben soll. Dann glaubten sie bei einem Sprung von Quarterback Roethlisberger – der mit 23 Jahren als jüngster Quarterback eines Superbowl-Gewinners und gleichzeitig mit der statistisch schlechtesten Leistung in die NFL-Rekordbücher eingeht – Richtung Endzone ein Überschreiten der Linie und damit einen Touchdown gesehen zu haben. Schließlich verhängten sie zunächst gegen Seattles Quarterback Matt Hasselbeck eine 15-Yards-Strafe, auf die prompt der dritte und entscheidende Touchdown der Steelers folgte. Und am Ende stoppten sie kurz vor der Endzone den letzten aussichtsreichen Angriff der Seahwaks mit einer Strafe, die Pittsburgh hätte gelten müssen.

Doch die Offiziellen werden in der NFL nicht öffentlich gescholten und so hielten sich auch Seattles Trainer und Spieler zurück. Sie übten lieber Selbstkritik wegen ihrer vielen Fehler, mit denen sie ein Spiel aus der Hand gaben, das sie trotz der Referees hätten gewinnen können. „Wir haben schon besser gespielt als heute Abend. Das war eine bittere Pille, die wir da schlucken mussten“, sagte Cheftrainer Mike Holmgren. Er ist wie so viele vor ihm beim Versuch gescheitert, mit zwei verschiedenen Teams den Superbowl zu gewinnen. Sein Quarterback Hasselbeck sah es ähnlich: „Wir hatten genügend Chancen, um Touchdowns zu erzielen. Aber wir haben es einfach nicht hinbekommen.“

Die Steelers, die schon vor dem Spielende ihre vorgefertigten Meistermützen aus der Tüte zogen und sich in den Konfetti-Regen auf dem Spielfeld stellten, hatten ohnedies keinen Grund, irgendetwas zu den Unparteiischen zu sagen. Sie feierten ausgelassen im Ford Field in Detroit. Nicht allein wegen Bettis, dem „wir es ermöglicht haben, als Champion abzutreten“, so Linebacker James Farrior. Sondern auch wegen Coach Bill Cowher. Er lenkt seit 14 Jahren die Spielzüge in Pittsburgh und ist mit Abstand dienstältester Cheftrainer eines NFL-Teams. Nach vielen Niederlagen in wichtigen Spielen landete er nun endlich den großen Wurf mit seinem Team. Die Steelers gewannen bereits zum fünften Mal nach 1975, 1976, 1979 und 1980 die wichtigste Trophäe im US-Sport. Das hatten zuvor nur die Dallas Cowboys und die San Francisco 49ers geschafft.

Cowher überschlug sich denn auch fast vor Dankbarkeit für Teambesitzer Dan Rooney, dem er bei der Siegerehrung sofort die Trophäe in die Hand drückte, „weil er mir so viel Vertrauen entgegengebracht und mir so viel gegeben hat“. Und auch sein Team, das alle drei Playoff-Spiele auswärts gewonnen hat, vergaß er nicht zu würdigen. Nur für die Schiedsrichter hatte er kein Wort des Dankes übrig. Aber die hätten sich darüber auch wohl weniger gefreut.

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