Sport : "Der Hang wird immer steiler"

Herr Wasmeier[kommen Sie bis Olympia noch in Form]

Markus Wasmeier fuhr früher selbst in Kitzbühel, zum Beispiel 1994. Heute kommentiert er das Hahnenkamm-Rennen.

Herr Wasmeier, kommen Sie bis Olympia noch in Form?

Nur theoretisch. Ich bin untrainiert und weiß gar nicht, ob ich einem rennmäßigen Schwung standhalten würde. Ich glaube, ich würde zusammenklappen.

Oder kann einer ihrer drei Söhne Deutschland bei Olympia vertreten?

Ja, die fahren eifrig Ski und möchten unbedingt Rennen fahren. Aber die sind erst acht, sieben und fünf Jahre alt. Da haben wir noch sehr viel Zeit.

Dann sieht es allerdings schlecht aus für die Alpin-Abteilung des Deutschen Skiverbandes. Bisher hat sich von den Männern nur Markus Eberle für Olympia qualifiziert, und auch beim heutigen Hahnenkammrennen ist aus Verletzungsgründen kein einziger Deutscher am Start. Warum fahren die deutschen Männer so hinterher?

Wir haben seit fünf, sechs Jahren die gleichen Läufer. Weil kein Nachwuchs nachgekommen ist, entstand für die, die immer dabei sind, überhaupt kein Druck. Auch haben die Läufer im Kopf zu viele Probleme, um das rüberzubringen, was sie im Training zeigen.

Ein mentales Problem?

Generell können alle ganz schnell sein. Das haben Max Rauffer oder Stephan Stankalla bewiesen. Auch Alois Vogel oder Markus Eberle können vorne mitmischen, wenn sie einen guten Tag haben. Aber die Dichte ist bei den Herren noch viel größer als bei den Damen. Bei den Herren ist das gnadenlos. Wenn du einen Monat ausfällst, bist du weg. Momentan können bei den Herren die ersten 40 oder 50 Starter unter die ersten drei fahren. Bei den Damen nur die ersten zehn Läuferinnen.

Können Sie als Doppel-Olympiasieger Ihren Nachfolgern keine Ratschläge geben?

Bei solch einem Problem, das nicht mit der Technik zu tun hat, muss jeder Mensch seinem Charakter nach handeln. Wenn jemand sehr sensibel ist, tut er sich schwer, mit Verletzungen und Misserfolg umzugehen. Man muss mit jedem feinfühlig arbeiten. Das heißt, es wäre angesagt, mit einem Psychologen zu arbeiten oder mit jemandem, dem man vertraut.

Wie sind Sie mit Misserfolg umgegangen?

Ich bin ein Kämpfertyp gewesen, der alles auch in einer schlechten Phase gnadenlos durchgezogen hat. Mir hätte ein Psychologe nichts gebracht. Für mich galt es, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das ging so weit, dass ich in Kitzbühel mit 40 Grad Fieber hinuntergefahren bin. Das war absolut hirnrissig, aber da war der Ehrgeiz größer als die Vernunft.

Wenn Sie mit Fieber die Streif herunterfahren können, dann scheint die Strecke ja gar nicht so schlimm zu sein?

Die Streif ist auch gar nicht so schlimm. Wengen oder Garmisch können bei eisigen Schneeverhältnissen genauso schlimm oder schlimmer sein.

Warum gibt es dann diesen Mythos?

Der hat sich über Generationen und viele Stürze hinweg aufgebaut. Generell kostet der Start mit der Mausefalle am Anfang eine große Überwindung. Der ist so steil, dass man sich das eigentlich gar nicht vorstellen kann. Für jeden Normalskifahrer ist es unverständlich, dass es Verrückte gibt, die da Schuss herunterfahren. Auch den Zielhang muss man gesehen haben.

Was dachten Sie, als Sie 1983 zum ersten Mal den Starthang hinunterblickten?

Jedes Jahr, wenn die Läufer das erste Mal wieder zu diesem Hang kommen, sagen sie: Scheiße, der Hang wird immer steiler. Weil es einfach so krass vom Starthaus weggeht. Das kommt im Fernsehen leider nicht so rüber. Diese Abfahrt braucht ein sehr großes Selbstbewusstsein.

Und der Rest der Strecke?

In der Mitte ist es stinklangweilig, davon wird auch meistens nichts im Fernsehen übertragen. Da brauchst du halt schnelle Skier, das ist das Einzige.

Also ist der Mythos gar nicht so begründet?

Der Mythos hat sich in früheren Zeiten aufgebaut, als die Abfahrt noch mit Füßen präpariert worden ist. Soldaten und Skilehrer sind auf Skiern durchgegangen und haben dabei Wasser reingespritzt. Natürlich bringt man so keine Ebene zustande, sondern nur Buckel aus blankem Eis, die zum Teil einen halben Meter hoch waren. Da runter zu fahren, war ein Überlebenskampf. Man hat nur versucht, die Ski irgendwie den Berg herunterzubringen.

Und das hat sich geändert ?

Jetzt hat man Kunstschnee und Pistenraupen, die mit Seilwinden die steilsten Hänge hinauffahren können. Die machen jetzt eine ebene Piste, da gibt es keine Schläge mehr, nur noch große Wellen.

Können Sie noch die Bedeutung ihres Hobbys erklären, das auf ihrer Internet-Seite angegeben ist: "Ullr-Medaillensammeln"?

Das wird "Ulla" ausgesprochen. Es ist der Schutzpatron der Wintersportler. Der kommt aus Skandinavien, wird "Ullr" geschrieben und "Ulla" gesprochen. Den habe ich als Talisman während meiner ganzen Karriere dabei gehabt, jeder Sportler ist abergläubisch. In Lillehammer, bei meinen beiden Goldmedaillen, hatte ich ihn sogar im Rennanzug. Auch Anni Friesinger läuft mit dem Ding herum.

Können Sie den "Ullr" nicht auch den deutschen Abfahrtsherren überlassen?

(lachend) Ich habe ihnen den "Ullr" gegeben. Ich weiß aber nicht, ob sie ihn auch immer mitnehmen.

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