Sport : Der Hang zum Siegen

Lance Armstrong fährt Jan Ullrich in den Alpen davon und übernimmt das Gelbe Trikot von Jens Voigt

Hartmut Scherzer[Courchevel]

Mit ausdruckslosem Gesicht stieg Jan Ullrich, begleitet von Andreas Klöden, vor dem Mannschaftshotel des T-Mobile-Teams vom Rad. So schlechte Laune wie gestern hatten die beiden deutschen Radprofis bei dieser Tour de France noch nicht gehabt. Verantwortlich dafür war Lance Armstrong. Der US-Amerikaner hatte gestern in den Alpen wieder einmal eine eindrucksvolle Demonstration seiner Stärke gegeben. Er hatte beim Schlussanstieg der zehnten Etappe nach Courchevel seine Herausforderer gedemütigt. Am Schlimmsten erging es dabei Alexander Winokurow. Stumm und mitfühlend drückte Ullrich ihm vor dem Hotel in Courchevel die Hand.5:18 Minuten hatte der Kasache auf den alten und neuen Träger des Gelben Trikots eingebüßt, drei mehr als Ullrich, der mit Klöden 2:14 Minuten nach Armstrong und Tagessieger Alejandro Valverde aus Spanien über die Ziellinie fuhr. Der völlig erschöpfte Berliner Jens Voigt kam über eine halbe Stunde später ins Ziel und verlor sein Gelbes Trikot nach nur einer Etappe.

Damit, dass Voigt gestern große Probleme haben würde, war zu rechnen. Bei Ullrich verhielt sich das ein wenig anders – trotz seiner leichten Verletzung. „Der Sturz am Sonntag war ein kleines Handicap, ich bin mit ein bisschen Schmerzen im Lungenbereich gefahren“, sagte Ullrich zwar, doch er gab sich auch als fairer Verlierer. „Die zwei Minuten hätte ich auch ohne den Sturz auf Armstrong verloren. Ich ärgere mich natürlich, dass ich bei seiner Attacke nicht mitfahren konnte.“ Der US-Amerikaner hat die Gegner vom T-Mobile-Team aber noch nicht abgeschrieben. „Ich glaube nicht, dass sie am Ende sind“, sagte Armstrong. „Wir müssen sie weiterhin im Auge behalten.“ Doch zunächst gilt seine Aufmerksamkeit anderen, so etwa Mickael Rasmussen, dem Träger des Bergtrikots, der nur 38 Sekunden hinter ihm rangiert.

3300 Meter Anstieg mussten die Fahrer gestern bewältigten – nach dem Start in Grenoble, so war es geplant. Doch nachdem Bauern Proteste angedroht hatten, wurde der Start nach Brignoud verlegt. Mit der Blockade wollten die Landwirte gegen das Jagdverbot der unter Naturschutz stehenden Wölfe protestieren. Die Wölfe greifen immer wieder die Schaf- und Kuhherden an. Die Fahrer werden den Unmut der Landwirte schnell verdrängt haben, schließlich ließen die Strapazen der Etappe kaum Platz für andere Gedanken als an die zwei Aufstiege der ersten Kategorie. Zunächst ging es auf den Cormet de Roselend. Jens Voigt vom CSC-Team schien dort bereits nach seiner Flucht vom Sonntag müde zu werden. Der Deutsche fuhr weit hinten im Feld und hatte Schwierigkeiten, das Tempo zu halten, beim Aufstieg nach Courchevel fiel er dann schließlich zurück.

Armstrongs Discovery-Team machte beim Schlussanstieg Tempo. Zu den Verfolgern des lange führenden Franzosen Laurent Brochard gehörte auch Jörg Jaksche. Der Franke vom spanischen Team Liberty Seguros versuchte sein Glück am Aufstieg allein vor allen anderen. Doch als Armstrong Ernst machte, fand das mutige Solo von Jaksche ein schnelles Ende. Er wurde von vier Fahrern, darunter neben Armstrong auch Rasmussen, eingeholt. Doch auch der Däne konnte auf dem letzten Kilometer nicht mehr mithalten. Mit Valverde (Illes Baleares) kam Armstrong zur Ziellinie, der Spanier siegte. Was Armstrong nicht störte: Er hatte sich in Courchevel das Gelbe Trikot von Jens Voigt zurückgeholt und Jan Ullrich deutlich bezwungen.

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