Sport : Der Harte mit der weichen Leiste

Stefan Kretzschmar will bei der Handball-EM spielen – notfalls erst im Halbfinale

Klaus Rocca

Berlin . Er saß am 2. Februar vergangenen Jahres im Pavilhao Atlantico von Lissabon auf der Bank und starrte immer wieder auf seine verbundene Hand. Unter dem Verband war der gebrochene Finger, der ihn nach 48 erfolgreichen Torwürfen zum Zuschauen verdammt hatte. Als der Schlusspfiff ertönte, schienen Stefan Kretzschmars Gesichtszüge noch stärker vom Gram gezeichnet zu sein. „Lieber tot als Silber“, hatte er ein wenig martialisch vor dem Finale der Handball-Weltmeisterschaft gesagt. Nach dem 31:34 gegen Kroatien war es Silber. „Dann holen wir eben bei der Europameisterschaft Gold“, meinte er fast trotzig.

Dass seine Teamkameraden vom Vizeweltmeister Deutschland bei der am 22. Januar in Slowenien beginnenden EM Gold holen, ist so unwahrscheinlich nicht. Doch wahrscheinlich ist Kretzschmar auch dann nicht dabei. Nicht der gebrochene Finger, sondern die weiche Leiste könnte ihm diesmal alles verderben.

Am Dienstag voriger Woche begab sich Kretzschmar beim Berliner Chirurgen Dr. Jens Krüger unters Messer, nachdem eine mehrtägige Spritzenkur keine Besserung bewirkt hatte. Es war keine große Operation: Eine Geschwulst, die auf einen Nerv an der Leiste drückte, wurde entfernt. „Eine weiche Leiste ist nichts Außergewöhnliches und die Operation Routine“, sagte Krüger nach der ambulanten Behandlung.

Wie Kretzschmars Managerin Ciz Schönberger erklärte, habe Kretzschmar die Klinik schon anderthalb Stunden später wieder verlassen können. Franziska van Almsick, trotz aller gegenteiligen Meldungen weiterhin seine Lebensgefährtin, holte ihn mit dem Auto ab. Bis zum Freitag blieb Kretzschmar in seiner Heimatstadt Berlin, dann fuhr er nach Magdeburg, seit Jahren seine Handball-Heimat.

Dort begann am Montag für den Mann mit dem eigenwilligen Outfit im Olympiazentrum die Rehabilitation. Krüger: „Schwimmen und Fahrradfahren stehen da auf dem Programm, später auch Joggen. Und die Oberarm-Muskulatur kann schon jetzt voll beansprucht werden.“

Nun fragt sich Deutschlands Handball-Gemeinde, ob der vielleicht beste Linksaußen der Welt und hier zu Lande Populärste seines Fachs, rechtzeitig fit wird. „Nur wenn ich topfit bin, spiele ich auch. Eine Absage wäre allerdings brutal“, sagt Kretzschmar. Topfit aber kann er bis zum Europameisterschafts-Auftakt nicht werden. „Drei bis vier Wochen braucht man nach der Operation, um die volle Leistungsfähigkeit zu erlangen“, sagt Krüger. „Zu früh darf man sich auf keinen Fall voll belasten. Das Risiko wäre zu groß.“

Sollte Kretzschmar bereits nach drei Wochen wieder den Ball werfen wollen, wäre das nach dem Operationstermin 6. Januar der 27. Januar. Der 30-Jährige, der 205 Länderspiele bestritten hat, könnte theoretisch also zum Halbfinale – sofern das erreicht wird – spielfähig sein. Heiner Brand, der Bundestrainer, will Kretzschmar so lange wie möglich die Chance geben, für den 16er-Kader nominiert zu werden. „Sein Ausfall wäre nicht zu kompensieren“, glaubt Brand.

Es spricht einiges dafür, dass Stefan Kretzschmar wieder nicht dabei ist, wenn es um Lorbeeren geht. Dann bleiben ihm nur noch die Olympischen Spiele. In Athen will er seine internationale Karriere ausklingen lassen. Bloß nicht mit Silber.

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