Sport : Der Heimat treu – und dem Geld

Warum so viele mexikanische Nationalspieler gern in Mexiko bleiben

Frank Bremermann[Mexiko-Stadt]

Europäischen Augen bietet das Aufgebot der mexikanischen Nationalmannschaft für die WM nur wenige vertraute Namen. Rafael Marquez, Verteidiger vom Champions-League-Sieger FC Barcelona, ist der bekannteste Spieler mit der größten Auslandserfahrung. Außer ihm kicken gerade noch zwei Mexikaner in europäischen Ligen. Mittelstürmer Jared Borgetti sitzt bei Bolton Wanderers in England meist auf der Bank und sein Stürmerkollege Guillermo Franco wechselte erst vor ein paar Wochen zum FC Villarreal nach Spanien. 19 der 23 Spieler im mexikanischen WM-Aufgebot verdienen ihr Geld in der Heimat. Das unterscheidet Mexiko von den großen lateinamerikanischen Fußballnationen wie Argentinien und Brasilien. Diese fehlende internationale Erfahrung ist ein Grund, warum es Mexiko bei bisher zwölf WM-Teilnahmen erst zweimal ins Viertelfinale geschafft hat.

„Die mexikanischen Spieler wechseln nur ungern ins Ausland, weil sie hier sehr gut verdienen“, erklärt Jose Ramon Fernandez, Sportkommentator beim Fernsehsender TV Azteca und so etwas wie der Marcel Reif Mexikos. Keine Liga in Lateinamerika bezahlt ihre Spieler so gut wie die mexikanische. „Fußball in Mexiko ist der Sport der Unternehmen“, betont Fernandez. Ein Dutzend der 18 Erstliga-Teams befindet sich in den Händen von Medienkonzernen, Brauereien, Zementherstellern und Zusammenschlüssen regionaler kleiner und mittlerer Unternehmer. Und die sind bereit und in der Lage, hohe Gehälter zu zahlen.

Ohne die Firmen würde es vermutlich gar keinen Profi-Fußball in Mexiko geben. Denn Vereinsstrukturen, wie sie in Deutschland und weiten Teilen Europas und Lateinamerikas normal sind, kennt man in Mexiko nicht. Der mexikanische Fußball gleicht in seiner Struktur seit jeher stark dem US-Sport, wo Baseball-, Basketball- oder Footballteams ebenfalls wie Unternehmen geführt werden.

Dass sich die mexikanischen Firmen ein solch kostspieliges Hobby leisten können, hat politische Hintergründe. Seit Mexiko vor zwölf Jahren durch die Nordamerikanische Freihandelszone (Nafta) wirtschaftlich mit den USA und Kanada verbunden wurde, hat sich das Land zur zehntgrößten Volkswirtschaft und zur siebtgrößten Exportnation der Welt entwickelt und in Lateinamerika den Riesen Brasilien als größte Wirtschaftsmacht abgelöst. „In den vergangenen 15 Jahren hat sich diese Entwicklung deutlich beschleunigt“, sagt Kommentator Fernandez, dessen Sender selbst eine Erstligamannschaft in der Provinz besitzt. „Gehälter und Einkünfte sind höher, und es ist viel mehr Geld im Spiel als früher.“ Die wenigen Teams, die nicht in Unternehmerhand sind, gehören Milliardären, die sich ein teures Hobby leisten, oder werden von Universitäten finanziert. Eine Provinzmannschaft gehört zudem der Regionalregierung.

Viel Geld verdienen die Konzerne in der Regel nicht mit ihren Teams. Bei der Vermarktung des Nationalsports geht es eher um Imagepflege und steuerliche Vorteile. „Unser Verein ist in erster Linie eine Werbeplattform für unser Unternehmen“, gibt Guillermo Patino vom Zementhersteller Cruz Azul zu. Das gleichnamige Team aus der Hauptstadt Mexiko- Stadt ist eine der ältesten und beliebtesten Mannschaften des Landes.

Genaue Zahlen, wie viel Geld im mexikanischen Fußball bewegt wird, gibt es nicht. Experten schätzen, dass manche Unternehmen bis zu 15 Millionen Dollar in die Mannschaften stecken. Pro Saison. Dass sich dies nur große Unternehmen leisten können, liegt auf der Hand. So nennt Televisa, der mächtigste Medienkonzern Lateinamerikas, nicht nur den Hauptstadtklub America und zwei Mannschaften in der Provinz sein Eigen, sondern auch das Azteken- Stadion in Mexiko-Stadt. Cemex, weltweit drittgrößter Zementhersteller mit Sitz im nordmexikanischen Monterrey, finanziert die „Tiger von Monterrey“. Der Brauerei Grupo Modelo, die das Bier Corona herstellt, gehören zwei Erstligamannschaften und insgesamt weitere sechs Fußball- und Baseballteams.

Das viele Geld hält nicht nur die eigenen Spieler im Land, sondern lockt auch die aus den Nachbarländern an. „Die 30 besten Spieler aus Argentinien, Brasilien, Peru und Paraguay gehen gleich nach Europa“, sagt Fernandez. Die zweite Garde spielt in Mexiko. „Wir sind der größte Importeur von Fußball-Spielern.“ Dementsprechend sind die Spitzenverdiener meist Spieler aus Argentinien und Brasilien, die es mitunter auf ein Gehalt von 150 000 Dollar pro Monat bringen. Refinanziert werden die hohen Gehälter durch den teuren Verkauf der Fernsehrechte, Trikot- und Bandenwerbung sowie Spots während der Übertragungen der Spiele im Fernsehen. Auch auf dem Feld sind die Auswirkungen des einzigartigen Systems unübersehbar: Die Spieler gleichen wandelnden Litfaßsäulen. Sie tragen nicht nur den Namen eines Sponsors auf der Brust, sondern gleich ein halbes Dutzend Logos auf Trikot, Hose und Stutzen über den Platz.

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