Sport : Der heimliche Chef

Arne Friedrich hat ein schlechtes Halbjahr hinter sich – nun soll er Hertha vor dem Abstieg retten

Stefan Hermanns

Berlin. Arne Friedrich gibt seinen Gegnern nicht viele Gelegenheiten, sich über ihn lustig zu machen. Für einen Werbespot von Nutella hat er jetzt eine Ausnahme gemacht. Da sitzt er mit den drei anderen Fußball-Nationalspielern Andreas Hinkel, Kevin Kuranyi und Benjamin Lauth am Frühstückstisch, und fragt Friedrich den in Brasilien geborenen Kuranyi, was er denn sagen müsse, wenn er in Portugal Nutella kaufen wolle. Kuranyi sagt etwas auf Portugiesisch, Friedrich und Lauth sprechen es nach. Im Untertitel ist zu lesen, was sie gerade gesagt haben: „Ich möchte Ihre Tochter heiraten. Sie hat einen sehr schönen Schnurrbart.“ – „Genau“, sagt Kevin Kuranyi.

Man kann aus solchen Werbespots mehr ablesen als das schauspielerische Talent ihrer Darsteller. Zum Beispiel, dass Arne Friedrich, der 24 Jahre alte Verteidiger von Bundesligist Hertha BSC, für die werbetreibende Wirtschaft so etwas wie die Zukunft des deutschen Fußballs verkörpert. Friedrich sagt, „dass ich deswegen nicht mit erhobener Brust durch die Gegend laufe“. Im Moment hat der Nationalspieler nämlich ganz andere Probleme. Er selbst sagt, dass er „ein Scheißjahr“ hinter sich habe: Mit Hertha ist er tief in den Abstiegskampf gerutscht, und weil Friedrich seit dem Sommer Probleme mit seiner Patellasehne hatte, war er nicht in der körperlichen Verfassung, sich erfolgreich gegen diesen Absturz zu wehren.

In der Winterpause hat Herthas Verteidiger gezielt und erfolgreich gegen sein körperliches Problem angearbeitet. Er hat die Beinmuskulatur gestärkt, um das Knie und die Patellasehne zu entlasten. „Eigentlich bin ich wieder fit“, sagt Friedrich. So fit, dass Herthas neuer Trainer Hans Meyer dem Nationalspieler zutraut, in der Rückrunde „eine sehr, sehr ordentliche Rolle zu spielen“. Arne Friedrich traut sich das wohl auch zu. Jedenfalls hat er in der Vorbereitung auf die Rückrunde einen sehr entschlossenen Eindruck gemacht.

Manchmal sind es kleine Zeichen, die von großen Veränderungen künden. Im Training ist Friedrich von den oft lauten Zurechtweisungen des Trainers nicht nur weit gehend verschont geblieben, es war sogar zu beobachten, dass der Verteidiger überproportional häufig mit Lob bedacht wurde. Am liebsten hätte Hans Meyer wohl zwei Friedrichs in seiner Mannschaft – einen für die rechte Außenposition in der Viererkette und einen für die Innenverteidigung.

Rechts wird heute in Bremen Alexander Madlung spielen, obwohl Meyer den U-21- Nationalspieler beim letzten Test in Karlsruhe auf dieser Position„taktisch mit Riesenproblemen behaftet gesehen“ hat. In der Mitte aber scheint Arne Friedrich im Moment noch wertvoller für die Mannschaft zu sein. Jedenfalls füllt er die Rolle so aus, wie der neue Trainer sich das vorstellt: entschlossen, kommunikativ, strategisch. In den Vorbereitungsspielen war deutlich zu sehen, wie Friedrich seine Mitspieler in der Viererkette dirigiert hat, dass er viel mit ihnen gesprochen und die Kommandos gegeben hat. „Das ergibt sich ganz einfach aus der Position“, sagt Meyer.

Vielleicht aber ahnt Friedrich auch, dass er das wichtigste halbe Jahr seiner Karriere vor sich hat. In den nächsten vier Monaten wird er unter erschwerten Bedingungen beweisen müssen, dass er nicht nur ein Spieler ist, dem alles scheinbar mühelos zugeflogen ist; der nach nur einem einzigen Bundesligaspiel für die Nationalmannschaft nominiert worden ist; der in seiner ersten Saison zum potenziellen Führungsspieler bei Hertha aufgestiegen ist und den viele schon recht bald bei den Bayern in München gesehen haben. Doch dass es nicht so weiter gehen würde wie in seiner ersten Bundesligasaison, hat Huub Stevens, damals noch Herthas Trainer, schon im Sommer geahnt: „Für Arne wird es ein schwieriges Jahr, wenn er das bestätigen will.“ Stevens hat Recht behalten. Bisher. Das Jahr ist schließlich noch nicht zu Ende. Wenn Hertha nicht absteigt und Friedrich dabei als neuer Abwehrchef seiner Schlüsselrolle gerecht würde, könnte die Saison für den Nationalspieler doch noch eine positive Wende nehmen.

Das alles hat die Diskussion darüber befördert, dass Friedrich in der Rückrunde Herthas neuer starker Mann werden könnte. Meyer hat den Nationalspieler zum Vizekapitän gemacht und ihn den eigentlichen, demokratisch legitimierten Stellvertretern Pal Dardai und Marko Rehmer vorgezogen. Kapitän aber bleibt Dick van Burik. Vielleicht auch deshalb, weil Hans Meyer bei Friedrich außerhalb des Platzes noch nicht erkannt hat, „dass er so ein dominanter Mensch ist“.

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