Sport : Der heimliche Stürmer

Bei Hertha BSC haben es die Angreifer nicht leicht – das liegt auch am Offensivdrang Marcelinhos

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Artur Wichniarek wirft sich auf den Boden, er schliddert ein paar Meter über den Rasen. Als er liegen bleibt, schüttelt sich der Stürmer von Hertha BSC heftig. Seine Bewegungen in diesem Moment erinnern an einen Aal, der an Land gespült worden ist und versucht, zurück ins Wasser zu gelangen. Nur dass es sich bei Wichniarek umgekehrt verhält. Der 28-Jährige versucht nicht dorthin zu gelangen, wo er lange Zeit war. Wichniarek zappelt vor Freude, weil er endlich dort ist, wo er lange hin wollte. Nämlich beim Torjubel. Der Pole hatte kurz zuvor Herthas Tor zum 2:0 bei Hannover 96 erzielt.

Die Szene aus Herthas erstem Bundesligaspiel vom Samstagnachmittag verdeutlicht, wie angespannt der Pole gewesen sein muss. Seit dem 12. Februar hatte er nicht mehr getroffen. „Der Druck war schon sehr hoch, weil es so lange nicht geklappt hat“, sagt Wichniarek. „Alle Zeitungen haben ja ständig darüber berichtet.“ Eine Frage sei in der Berichterstattung bislang aber übersehen worden, glaubt Wichniarek. „Ich bin doch nicht der Einzige, der so wenig trifft, seit er bei Hertha ist. Bei Fredi Bobic war es genauso.“ In der Saison 2002/2003 hatte Wichniarek für Arminia Bielefeld 12 Tore geschossen. Fredi Bobic hatte im selben Jahr 14 Tore für Hannover 96 erzielt. Dann wechselten beide zu Hertha BSC. Wichniarek gelangen im ersten Jahr in Berlin zwei, Bobic sieben Treffer.

„Daran sieht man doch, dass es nicht an den Stürmern liegen kann“, sagt Wichniarek. Die Spielweise der Mannschaft sei schuld an der Erfolgslosigkeit der Berliner Angreifer. Tatsächlich macht es Herthas Spiel den Stürmern nicht besonders leicht. Seit Marcelinho vor vier Jahren zu Hertha kam und auf Anhieb mit 13 Treffern bester Berliner Torschütze wurde, wird das Spiel stark von ihm geprägt. Zwar bereitet Marcelinho auch häufig Tore vor, nur spielt der Brasilianer selbst oft in der Rolle eines hängenden Stürmers. Mit dieser Spielweise war Hertha in der vergangenen Saison sehr erfolgreich.

Von dort sucht er oft selbst den Abschluss oder aber kann den oder die Angreifer nur mit flachen Bällen bedienen. „Ich bin ein Stürmer, der sechs bis zehn Flanken pro Halbzeit braucht“, sagt Wichniarek. „Hoffentlich kommen in dieser Saison mehr Bälle von außen.“ Für Trainer Götz ist es eine prinzipielle Entscheidung. Wie viel will er von der Spielweise aufgeben im Interesse der Stürmer? Aber wäre Hertha dann wirklich erfolgreicher? Denn bisher waren die Stürmer nicht treffsicher genug. Ein kopfballstarker Mittelstürmer fehlt den Berlinern seit dem Karriereende von Michael Preetz.

Wichniarek ist zuversichtlich, dass es in dieser Saison einfacher für ihn wird. „Wenn wir zu zweit vorne sind, dann ist das auch schon eine Hilfe.“ Neben Wichniarek spielte in Hannover Nando Rafael, der Wichniareks Tor vorbereitet hatte. Diese Kombination hatte es in der vergangenen Saison nur einmal gegeben, am vierten Spieltag beim 0:0 in Nürnberg. Danach hatte Hertha bis auf zwei Ausnahmen stets mit nur einer Spitze begonnen. „Dann konzentrieren sich gleich vier Abwehrspieler auf dich“, sagt Wichniarek. Bei Herthas erstem Heimspiel der Saison gegen Eintracht Frankfurt am kommenden Samstag wird Götz sein Team wohl wieder mit zwei Stürmern spielen lassen.

Ob Hertha noch einen Angreifer verpflichten werde, hänge auch von der Leistung der Stürmer in den nächsten Spielen ab, sagt Götz. Die Berliner sind an Marko Pantelic von Roter Stern Belgrad interessiert. „Man sieht, dass er ein exzellenter Fußballer ist“, sagt Dieter Hoeneß. Der Manager hatte den 26-Jährigen in Belgrad beobachtet.

„Vielleicht redet in drei Wochen niemand mehr von einem neuen Stürmer“, sagt Trainer Götz. Es hängt von Herthas Stürmern ab – und damit auch von Artur Wichniarek.

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