Sport : Der Held von nebenan

Österreicher Schlierenzauer gewinnt Auftaktspringen der Vierschanzentournee

Benedikt Voigt[Oberstdorf]

Die letzte Verbeugung vor seinem Publikum fiel Günther Jauch schwer, was allerdings an einem überdimensionalen Käse lag, den der Fernsehmoderator auf seinem Rücken mitschleppte. Das Abschiedsgeschenk des Kurorts Oberstdorf wog einige Kilogramm. Kurz verbeugte sich Jauch vor den 21 000 Zuschauern in der Allgäu-Arena und verschwand im Fenseh-Studio. Mit ihm ist auch der letzte Star des deutschen Skispringens abgetreten. Der neue Held kommt aus Österreich, wie die Zuschauer am Fuße der Schattenbergschanze knapp zwei Stunden später erlebten. Er heißt Gregor Schlierenzauer.

Der 16-jährige Österreicher hat das erste Springen der Vierschanzentournee mit Sprüngen auf 135,5 und 142 Meter souverän gewonnen. „Ich bin stolz auf ihn“, sagte der österreichische Cheftrainer Alexander Pointner, „er kann mit dem Druck sehr gut umgehen.“ Nervenstark segelte Schlierenzauer als letzter Springer des Abends zur größten Weite und verfehlte den Schanzenrekord nur um eineinhalb Meter. „Ich war nach dem Absprung sehr hoch in der Luft und habe gemerkt, dass der sehr weit gehen kann“, sagte Schlierenzauer. Auf Rang zwei sprang der Schweizer Andreas Küttel vor dem Polen Adam Malysz.

Schlierenzauers Hochform ist nur schwer zu erklären. „50 Trainer stehen da und verstehen die Welt nicht mehr“, sagte Bundestrainer Peter Rohwein. „Zurzeit passt einfach alles zusammen, wie bei einem Puzzle“, sagte Schlierenzauer. Immerhin konnte er erklären, warum er im zweiten Durchgang am besten mit dem Rückenwind zurechtgekommen ist: „Auf meiner Hausschanze beim SV Innsbruck-Bergisel kam der Wind auch meistens von hinten.“

Die deutschen Springer kamen mit dem Rückenwind im zweiten Durchgang überhaupt nicht zurecht. „Das ist schon lange unser Problem“, sagte Rohwein. Immerhin konnte Jörg Ritzerfeld mit Platz zwölf nach Sprüngen auf 129,5 Meter und 124,5 Metern überzeugen. „Er ist im Soll“, sagte Rohwein. Nicht so Michael Uhrmann, der nach Flügen auf 128,5 und 122,5 Meter auf dem 15. Platz landete. „Er hat sich auf diesem Platz eingependelt“, sagte Rohwein, „aber das kann nicht sein Ziel sein.“ Martin Schmitt flog mit Sprüngen auf 126 und 122 Meter auf Rang 18. „Richtig glücklich bin ich nicht“, sagte der ehemalige Weltmeister und verzog das Gesicht. Wenigstens ist es ihm in Oberstdorf nicht so schlimm wie Georg Späth ergangen. Der war nach seinem Ausscheiden am Vortag in der Qualifikation von Rohwein nach Hause geschickt worden. Was in seinem Fall nicht weit war. Der Oberstdorfer musste nur über die Straße zum Haus seiner Eltern gehen.

Trotz der ernüchternden Ergebnisse hatte auch Peter Rohwein einen kleinen Grund zur Freude. Der Präsident des Deutschen Skiverbandes, Alfons Hörmann, nahm etwas Druck von seinem Bundestrainer. „Die Trainerfrage stellt sich für uns nicht“, sagte Hörmann, „Rohweins Zukunft hängt nicht vom Abschneiden bei dieser Tournee ab.“ Erst nach Saisonende werde man sich zusammensetzen und die Situation bewerten. Allerdings könne der wachsende Druck der Öffentlichkeit auch Spuren hinterlassen. „Peter Rohwein könnte auch von sich aus sagen, dass er keine Lust mehr hat“, sagte Hörmann. Das Springen von Oberstdorf wird Rohweins Lust nicht gerade gesteigert haben.

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