Sport : Der Hertha-Präsident im Gespräch: "Die G 14 wird an Hertha nicht vorbeikommen"

Was fällt Ihnen zum Stichwort G 14 ein[Herr]

Bernd Schiphorst (57) ist seit dem 6. September als Nachfolger Walter Müllers Präsident von Hertha BSC. Schiphorst, in Oldenburg geboren und Vater zweier Kinder, ist auch Medienbeauftragter von Berlin und Brandenburg.



Was fällt Ihnen zum Stichwort G 14 ein, Herr Schiphorst?

Ich kann mir schon denken, worauf Sie jetzt hinaus wollen. Wir stehen in der Bundesliga nicht besonders gut, und schon geht es um unsere Ambitionen in der G 14 ...

...dem Zusammenschluss der europäischen Topvereine, aus dem Sie eine G 15 machen wollen - mit Hertha BSC. So haben Sie es in Ihrer Antrittsrede gesagt.

Wenn wir den Potenzialen dieser Stadt, dieser Region und dieses Vereins gerecht werden wollen, dann müssen wir europäische Spitze werden. Wenn wir sportlich da sind, wo wir hingehören, müssen wir mit der G 14 über eine Aufnahme reden.

Wie sieht das in der Praxis aus? Schreiben Sie da einen Brief: "Liebe G 14, wir würden gern bei euch mitmachen ..."

Im Prinzip schon. Bayern Münchens Vizepräsident Karlheinz Rummenigge hat sich so geäußert. Ich wollte mit einer einprägsamen Kurzformel auf ein Problem hinweisen: Es geht nicht an, dass es immer nur die Bayern sind, die sich zu Wort melden. Mir gefällt auch nicht das süddeutsche Übergewicht im neuen DFB-Vorstand. Wir müssen uns mit Gewicht einbringen, in Deutschland und in Europa.

Glauben Sie denn wirklich, dass Hertha BSC zum Kreis der europäischen Spitzenklubs gehören muss?

Wir haben auf der backlist im internationalen Bereich noch nicht so wahnsinnig viel zu bieten, aber das muss ja kein Hindernis sein. Wir haben etwas anderes zu bieten.

Was denn?

Berlin. Wir sind der Erstligist der deutschen Hauptstadt, daran wird die G 14 mittelfristig nicht vorbeikommen. Allerdings - dieses Thema müssen wir nun nicht blitzschnell angehen. Wir haben andere Prioritäten.

Welche?

Uns bedrückt die sportliche Entwicklung der Mannschaft. Und uns bereitet auch die negative Tendenz bei den Zuschauerzahlen Probleme. Dabei spielt natürlich auch die Baustelle Olympiastadion eine große Rolle.

Das Stadion wird erst in vier Jahren fertig sein. Sie wussten vorher, was auf Sie zukommen wird.

Ja, natürlich. Aber am grünen Tisch kann man sich die Praxis nun mal nicht so plastisch vorstellen. Unser Manager Dieter Hoeneß kennt so etwas aus Stuttgart. Er hat, sagt er, schon meinen Vorgänger immer wieder gewarnt und gesagt, es werde noch schlimmer, als wir uns das gedacht haben.

Kannten Sie die Stuttgarter Baustelle?

Nein, aber ich war erschrocken, als ich die Baustelle Olympiastadion das erste Mal sah. Wir sind mit Hochdruck dabei, uns Lösungen einfallen zu lassen. Diese absolut tote Baustelle muss wieder Leben bekommen. Da müssen Farbe, Licht und Bewegung rein. Dafür brauchen wir viel Fantasie.

Seien Sie doch mal fantasievoll, jetzt und hier.

Unser Vorbild könnte der Potsdamer Platz sein, dort hat man die Baustelle zu einem Erlebnis für das Publikum gemacht. Warum sollten wir so etwas nicht auch schaffen? Wir brauchen eine Infobox auf dem Olympiagelände, auf der man einen Überblick gewinnen kann. Darüber reden wir zurzeit mit "Partner für Berlin".

Dass die Zuschauer wegbleiben, liegt sicher nicht nur an der Baustelle. Vor zwei Jahren hatte Hertha noch einen Zuschauerschnitt von 54 000. Jetzt werden Sie Mühe haben, die angepeilten 42 000 zu erreichen.

Diese Tendenz hat uns sehr überrascht. Schließlich hat Hertha lange Zeit eine sehr gute Hinrunde gespielt, war vier Spieltage an der Tabellenspitze. Das hat es vorher noch nie gegeben.

Und trotzdem kommen die Fans nicht.

Ich habe darauf nur eine allgemeine Antwort, und die ist sehr unbefriedigend, weil sie uns nicht weiterhilft: Ein gutes Bundesligaspiel konkurriert mit dem gigantischen Freizeitangebot einer Großstadt wie Berlin.

Das war auch vor zwei Jahren schon so.

Sicher, aber das Angebot ist erheblich größer geworden. Ich kann mir ein Urteil erlauben, weil ich Hamburg sehr gut kenne, München auch. In Berlin wird einfach mehr geboten. Aber selbst die Münchner holen sich ihre Zuschauer zu 60 oder gar 70 Prozent aus dem Umland, in der Stadt selbst gibt es nur noch einen harten Kern von Fans.

Was sagt denn der Medienmanager Bernd Schiphorst zu der These, dass Fußball im Fernsehen totgesendet wird?

Sicher spielt das große Fußball-Angebot im Fernsehen eine Rolle beim Zuschauerrückgang. Bei schlechtem Wetter werden sich viele fragen, warum soll ich mich ins nasskalte Stadion setzen, wenn ich das Spiel in der guten Stube sehen kann.

Klingt einleuchtend.

Die Ursache liegt allerdings tiefer: Es kann nicht so platt erklärt werden, dass mehr Fußball im Fernsehen weniger Zuschauer im Stadion bedeutet. Im Gegenteil. In der Vergangenheit hat stärkere Fernsehpräsenz des Fußballs bei RTL und Sat 1 beim Fans mehr Appetit geweckt, den er im Stadion gestillt hat. Dennoch - wir müssen rund um das Fußballspiel ein Erlebnis im Olympiastadion bieten, das den Stadionbesuch unersetzlich macht.

So wie in Amerika, wo die gesamte Familie ins Stadion geht und im Extremfall keiner weiß, was überhaupt gespielt wird?

Den Extremfall mal beiseite gelassen, da müssen wir hin. In absehbarer Zeit werden wir ja VIP-Logen und einen Bereich mit Kinderbetreuung haben, auch einen Bereich, in dem sich die Mütter oder Ehefrauen treffen können. Das ist in kleineren Stadien wie in Bremen und Leverkusen längst der Fall. In der Beziehung sind wir in Berlin noch tiefste Provinz.

Das alles kostet viel Geld, auch der Umbau des Olympiastadions. Hertha BSC hat in der Champions League über 40 Millionen Mark eingenommen. Trotzdem ist derzeit von rund 30 Millionen Mark Verbindlichkeiten die Rede. Es stellt sich die Frage: Wo ist denn das ganze Geld geblieben?

Wir haben natürlich einige Altlasten abtragen müssen. Daneben aber ist permanent in die Mannschaft investiert worden, unter anderem in Alex Alves. Und mit dem sportlichen Erfolg wachsen natürlich auch die Ansprüche der Spieler. Aus dieser Spirale kommt man nicht raus. Dennoch - Hertha BSC ist kerngesund.

Der Brasilianer Alves hat 15 Millionen Mark gekostet. Müssen Sie die Mannschaft nicht weiter durch spektakuläre Transfers aufrüsten, um die Marke Hertha BSC in Europa bekannt und attraktiv zu machen?



Spieler wie Alves spazieren nicht auf der Straße herum und warten darauf, von uns verpflichtet zu werden. Natürlich ist Hertha BSC zurzeit keine Qualitätsmarke im europäischen Fußball. Das Potenzial der Marke ist aber gewaltig.

Wie können Sie das kurzfristig nutzen?

Nur ein Beispiel: Ich habe mit großem Interesse gelesen, welchen Erfolg Manchester United außerhalb Europas allein durch einen sehr internationalen Internet-Auftritt erreicht hat. So etwas kann man auch bei Hertha in einem überschaubaren Zeitraum anpacken.

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