Sport : Der HSV steuert auf eine Krise zu

Van der Vaart und Jarolim fallen jetzt auch noch aus

Karsten Doneck

Hamburg - Die Wut musste raus. Egal wo, egal wie. Nigel de Jong verschaffte sich auf dem Weg vom Platz erst einmal mit einer Art Urschrei Luft. Doch das reichte nicht zum Abbau der in den 90 Minuten angestauten Spannungen. Ein paar Schritte weiter schlug der niederländische Fußballprofi des Hamburger SV mit der flachen Hand krachend gegen die Kabinentür. Kaum war er hinter der Tür angelangt, riskierte er einen letzten Schuss – mit Vollspann: Heftig scheppernd rutschte nach de Jongs Fußtritt ein zufällig herumstehender schwarzer Plastikmülleimer über den langen Gang.

Wut und Enttäuschung sitzen tief beim HSV: Nach dem 1:1 am Sonntag gegen Hertha BSC liegt die Mannschaft, die manche schon zum Meisterschaftskandidaten hochgejubelt hatten, deutlich unter dem Soll: drei Spiele, drei Unentschieden. „Das ist zu wenig“, gibt Trainer Thomas Doll zu. „Immerhin haben wir noch kein Spiel verloren“, stellt Sportchef Dietmar Beiersdorfer etwas krampfhaft fest und seine Miene verrät, dass ihm das Erreichte in Wirklichkeit wenig Freude bereitet. Beiersdorfer verspricht aber: „Die Zeit wird für uns laufen.“

Aber der HSV leidet derzeit unter akuten Personalproblemen. Gegen Hertha schieden Rafael van der Vaart und David Jarolim verletzt aus. Van der Vaart hat sich oberhalb des linken Knies einen Sehnenanriss zugezogen, Jarolim muss wegen eines Haarrisses im linken Unterarm vier bis sechs Wochen pausieren. Die Zahl einsatzfähiger Profis ist beim HSV derzeit höchst überschaubar: Guy Demel ist nach dem Platzverweis in Cottbus gesperrt, Colin Benjamin wird nach seiner Roten Karte gegen Hertha auch vorerst fehlen. Verletzt sind zudem Vincent Kompany und Thimothee Atouba.

Über derlei Misslichkeiten hinaus fehlt der HSV-Elf auf dem Platz derzeit ein Kopf. Einer, der eine natürliche Autorität ausstrahlt. Jemand, der den Mitspielern gerade in schwierigen Phasen Orientierungshilfe gibt. Jemand, der aufrüttelt und mitreißt und sich auch mal zickig gegenüber dem Gegner verhält. Sergej Barbarez konnte das. Oder auch Daniel van Buyten. Beide sind weg, der eine in Leverkusen, der andere in München. Doll behauptet aber unverdrossen: „Wir haben auch so genug Erfahrung im Team.“

Echte Führungspersönlichkeiten hatte der HSV in den ersten drei Saisonspielen gegen Bielefeld (1:1), bei Energie Cottbus (2:2) und gegen Hertha BSC jedoch nicht auf dem Platz. Abwehrspieler Bastian Reinhardt, 30 Jahre alt, nähert sich noch am ehesten der verwaisten Rolle an. Jarolim, mit seinen 27 Jahren auch einer der reiferen Profis beim stark verjüngten HSV, hat momentan mehr mit sich selbst zu tun, um wieder an die starken Leistungen der vorigen Saison anzuknüpfen. Van Vaart verkörpert bei all seiner Kunstfertigkeit im Umgang mit dem Ball auch noch nicht die große Respektsperson. Kein Wunder: Er ist 23 Jahre jung.

Allen Widrigkeiten zum Trotz verspricht Doll: „Wir werden auch wieder souveräner und kompakter auftreten.“ Der HSV-Trainer tröstet sich: „Es geht eben im Fußball nicht alles immmer glorreich ab.“

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