Sport : Der Irrtum

Nach Alex Alves und Nene kehrt auch Luizao nach Brasilien zurück – der Vertrag mit Hertha BSC wird aufgelöst

Stefan Hermanns,Klaus Rocca

Von Stefan Hermanns und Klaus Rocca

Berlin. Als Luiz Carlos Goulart, genannt Luizao, am 25. Juli 2002 auf dem Flughafen Tegel endlich gelandet war, schien der große Coup geglückt zu sein. Ein Weltmeister hatte Hertha BSC sein Ja-Wort gegeben. Dass er bei der WM in Asien nur zweimal ins brasilianische Nationalteam eingewechselt worden war, war in der ganzen Euphorie ein bisschen untergegangen. Außerdem kostete er nicht einmal eine Ablösesumme. „Ich hoffe, dass ich viele Tore schießen und Hertha viel Freude bereiten werde“, sagte Luizao nach seiner Ankunft. Seit gestern ist klar, dass Luizao einen ähnlich unrühmlichen Abgang beim Berliner Fußball-Bundesligisten hat wie zuvor sein Landsmann Alex Alves. „Wir haben den Vertrag mit Luizao mit sofortiger Wirkung aufgelöst“, verkündete gestern Mittag Manager Dieter Hoeneß.

Allzu unglücklich wirkte Hoeneß dabei nicht. Luizao hatte zwar keine Ablöse gekostet, dafür soll er pro Saison 2,5 Millionen Euro erhalten haben. Und sein Vertrag lief noch bis 2006. „Er hat auf Geld verzichtet“, sagte Hoeneß. Offenbar auch auf einen Teil seines Handgeldes. Über die Existenz dieses Handgeldes hatte Hertha bei seinem Wechsel von Gremio Porte Alegre Stillschweigen bewahrt.

Luizao hatte sich wegen ausstehender Gehaltszahlungen aus seinem Vertrag bei Corinthians São Paulo geklagt und bei Gremio Porto Alegre unterschrieben. Im März 2002, als angeblich auch Espanyol Barcelona, Betis Sevilla und Lazio Rom hinter ihm her waren, forderte sein Manager bei Verhandlungen mit Hoeneß für einen Vierjahresvertrag 10 Millionen Dollar. Hoeneß lehnte ab. Im Juli desselben Jahres einigte man sich auf einen Vertrag bis 2006 – zu fast gleichen finanziellen Konditionen. Nur mit Bauchschmerzen hat der Wirtschaftsrat dem Transfer, der Herthas Etat erheblich belastet, zugestimmt.

Allzu viel Freude hatte Hertha an seinem Weltmeister nicht. Luizao bestritt gerade mal 26 Bundesligaspiele für Hertha, in dieser Saison waren es nur sieben. Und aus den erhofften vielen Toren wurde auch nichts. In seiner Heimat soll er in 356 Spielen 291 Tore erzielt haben, für Hertha traf er in der Bundesliga lediglich viermal, dazu je einmal im DFB-Pokal und im Uefa-Cup.

Zudem war Luizao immer wieder verletzt. Im letzten Testspiel vor der Rückrunde erwischte es ihn erneut. Luizao musste an der Leiste operiert werden, dabei sollte er unter dem neuen Trainer Hans Meyer zum ersten Mal Stammspieler sein. „Wäre er jetzt nicht auch wieder verletzt, hätten wir den Vertrag nicht aufgelöst. Aber er hätte in dieser Saison höchstens noch vier Spiele mitgemacht und uns kaum noch im Abstiegskampf helfen können“, sagte Hoeneß. Schon vor seiner Verpflichtung durch Hertha hatte es Gerüchte um den Gesundheitszustand Luizaos gegeben. So nahm Borussia Dortmund von dem bereits vereinbarten Kauf des Stürmers Abstand, nachdem er sich einen Kreuzbandriss zugezogen hatte.

Vor kurzem hat Luizao in einem Interview mit einer brasilianischen Fachzeitschrift den Wunsch geäußert, möglichst bald wieder in seiner Heimat zu spielen, am liebsten bei seinem früheren Verein Corinthians. Dabei streitet sich Luizao mit diesem Klub noch um eine Entschädigung von 2,3 Millionen Euro. Nach Angaben von Hertha BSC hat der 28-Jährige bisher noch keinen neuen Verein.

Mit der Rückkehr Luizaos in seine Heimat ist auch Herthas brasilianische Phase gescheitert, die vor allem Manager Hoeneß zu verantworten hat. Schon im vorigen Frühjahr verkündete er die Abkehr von dem kostspieligen Prinzip, auf dem südamerikanischen Markt einzukaufen. Zeitweise spielten mit Alves, Marcelinho, Luizao und Nene gleich vier Brasilianer für die Berliner. Nur Marcelinho hat die Erwartungen erfüllt. Zumindest sportlich. Sein sonstiges Verhalten aber hat immer wieder zu Irritationen geführt.

Erst wer sich mit Brasilianern verstärken kann, hat es wirklich geschafft. So ungefähr hat Hertha gedacht und alle Probleme ignoriert, die sich aus der Verpflichtung ergeben. Der Markt in Brasilien ist sehr unübersichtlich, und es kommt nicht von ungefähr, dass gerade die Vereine mit Spielern aus Brasilien erfolgreich waren, die diesen Markt seit Jahren oder sogar Jahrzehnten beobachten. Bayer Leverkusen, in dieser Hinsicht der erfolgreichste deutsche Klub, hat schon seit Ende der Achtzigerjahre Erfahrungen mit brasilianischen Spielern. Hertha hatte sie nicht. Selbst Borussia Dortmund wurde noch vor wenigen Jahren für die Verpflichtung von Dede und Evanilson verspottet; inzwischen gelten beide als Stützen des Teams.

Dede wird in Dortmund vor allem deshalb geschätzt, weil er fast perfekt Deutsch spricht und eine Integrationsfigur geworden ist. Alves, Luizao und Marcelinho aber sind bei Hertha immer Einzelgänger geblieben. Das lag und liegt auch an den mangelnden Sprachkenntnissen. Als Hertha im Januar nach Gran Canaria ins Trainingslager flog, gehörte auch Dolmetscher Alcir Pereira dem Tross an. Hans Meyer hatte darauf bestanden, dass er mitkommt.

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