Sport : Der J-League sei Dank

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Von Stefan Hermanns

Berlin. Eigentlich war Pierre Littbarski Teil einer ausgeklügelten Marketingstrategie, aber das hat er anfangs natürlich nicht geahnt. „Ich habe auch eine Weile gebraucht, um das zu kapieren“, sagt Littbarski heute. Als der Fußball-Weltmeister und frühere Nationalspieler 1993 vom 1. FC Köln in die neue japanische J-League wechselte, ging es den Japanern nicht nur darum, einen erfolgreichen Fußballer zu verpflichten. Sie brauchten auch einige große n: zum einen, um die Öffentlichkeit für den exotischen Sport aus Übersee zu begeistern, und zum anderen, um der Welt zu demonstrieren, dass es das Land mit dem Fußball ernst nimmt.

Neben Littbarski kamen weitere namhafte Fußballer nach Japan: Zico, der wahrscheinlich beste brasilianische Fußballer der Achtzigerjahre und laut einer Werbeschrift „der hervorragendste Fußballmeister in Japan“, Gary Lineker, der englische Torschützenkönig der WM 1986, Ramon Diaz aus Argentinien und Salvatore Schillaci, der erfolgreichste Stürmer der WM 1990 in Italien. Richtig ernst genommen wurden die Versuche, den Fußball in Japan zu etablieren, in Europa anfangs nicht. Das ist typisch. „Man unterschätzt die Japaner oft, weil sie so zurückhaltend sind“, sagt Littbarski, der inzwischen den Zweitligisten MSV Duisburg trainiert. Hinter der Einführung der J-League steckte weit mehr. „Die Japaner wollten auf Stimmenfang gehen für die Weltmeisterschaft“, sagt Littbarski. „Ganz smart. Dazu wurde die J-League gegründet.“

Die Strategie war erfolgreich. Zumindest teilweise. Am 31. Mai 1996 entschied der Weltfußballverband Fifa, die Weltmeisterschaft 2002 in Japan auszutragen. Zum ersten Mal findet damit ein WM-Turnier in Asien statt. Allerdings müssen sich die Japaner die Ausrichterrolle mit Südkorea teilen. Richtig glücklich ist damit niemand: Weder die Fifa, die die Doppelträgerschaft inzwischen zum einmaligen Experiment erklärt hat, noch die beiden Ausrichterländer, die schon fast traditionell ein eher schlechtnachbarschaftliches Verhältnis pflegen. Die Organisation des Turniers war lange Zeit von gegenseitigen Eifersüchteleien geprägt.Selbst Pierre Littbarski, der insgesamt sieben Jahre in Japan gelebt hat und inzwischen mit einer Japanerin verheiratet ist, ist nicht frei davon: „Wir haben die bessere Infrastruktur als Korea“, sagt er.

.Fußball ist in Japan zur zweitbeliebtesten Sportart avanciert. Nur Baseball hat noch mehr Anhänger. Dass sich die japanische Fußball-Nationalmannschaft 1998 erstmals für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, hängt nicht zuletzt mit der Professionalisierung durch die J-League zusammen. Einen Ligaspielbetrieb hatte es zwar bereits Mitte der Sechzigerjahre gegeben, als nach den Olympischen Spielen in Tokio die Japan Soccer League (JSL) gegründet wurde, die erste landesweite Liga überhaupt in Japan. Doch mit Ligen in Europa war die JSL nicht zu vergleichen.

Sport ist in Japan traditionell eine Sache der Schulen und der großen Firmen gewesen. Klubs im europäischen Sinne gab es nicht, es handelte sich eher um Betriebssportgruppen. Doch die große Rezession Anfang der Neunzigerjahre hat dieses System zum Einsturz gebracht. Ohne Firmen keine Firmensportklubs. Auch aus diesem Grund wurde 1993 die J-League gegründet. Mit ihr hat gewissermaßen die Verbürgerlichung des Sports in Japan begonnen. Das System ist explizit dem europäischen nachempfunden – mit Klubs, bei denen jeder Mitglied werden kann und nicht nur der Angestellte einer bestimmten Firma.

Natürlich gibt es immer noch Unterschiede zum europäischen Fußball. Pierre Littbarski, der als erster Deutscher in Japan die Trainerlizenz erworben hat, glaubt, dass viele Teams bei der WM „eine ungewohnte Atmosphäre erleben werden. In den Stadien wird niemand ausgepfiffen.“ Der Respekt für den Gegner ist groß, für europäisches Verständnis vielleicht sogar zu groß. Pierre Littbarski hat bei JEF United selbst erlebt, dass Spieler von Hiroshima in der Halbzeitpause zu ihm gekommen sind und um ein Autogramm gebeten haben, „und nach dem Spiel wollten sie ein Stück von meinem Trikot“. Man müsse den Spielern erst einmal vermitteln, „dass Gewinnen keine schlimme Sache ist“, sagt Littbarski. „Meine Mitspieler waren immer sehr nett, leider auch zum Gegner.“

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