Sport : Der Jäger aus Italien

Olivier Vincenzetti startet seit ein paar Tagen für Deutschland und soll die Konkurrenz unter den Brustschwimmern anstacheln

Frank Bachner

Berlin. Wer zieht jetzt ein? Der Bruder? Ist Wasserballer und ungebunden. Die Mutter? Wird wohl bei ihrem Mann bleiben in Pesaro, Italien, statt nach Essen, Deutschland, zum Sohn zu ziehen. Olivier Vincenzetti hat noch Zeit, diese Frage zu klären. Er wohnt seit Ostern in Essen, aber einer aus seiner Familie darf zu ihm nachziehen, in eine eigene Wohnung. Das steht im Vertrag, den er gerade mit dem Schwimmklub Blau-Gelb Delphin Essen geschlossen hat. Ein Passus besagt, dass der Klub einem Familienmitglied eine Wohnung in Essen finanziert, wenn der 24-jährige bei den bei den Deutschen Meisterschaften in Hamburg unter die ersten drei kommt. Diese Vorgabe hat Vincenzetti gestern erfüllt, mit einem dritten Platz im 100-m-Lauf der Brustschwimmer.

Er schwamm noch nicht optimal. „Es ist noch einiges verbesserungswürdig“, sagt der Essener Trainer Horst Melzer. „Aber „das bekommen wir hin“. Wichtiger ist, dass Vincenzetti überhaupt da ist. Dass der italienische Verband ihn vor vier Tagen freigegeben hat und er in Zukunft für die SG Essen startet und möglicherweise für Deutschland bei der WM. Vincenzetti soll die deutsche Brustschwimmer-Szene aufmischen. Er ist zweifacher italienischer Kurzbahn-Meister, er wurde Anfang April in Ravenna auch italienischer Meister über 100 m auf der 50-m-Bahn, und seine 200-m-Bestzeit auf der Kurzbahn liegt unter dem deutschen Rekord. „Er könnte zum Jäger der etablierten deutschen Brustschwimmer werden“, sagt Trainer Melzer. Die etablierten deutschen Brustschwimmer heißen Mark Warnecke und Jens Kruppa, und sie hätten längst abgelöst werden müssen von jungen, hungrigen Talenten. „Es fehlt eine geniale Gestalt, die alles besitzt, was ein Brustschwimmer benötigt“, sagt Melzer. Der junge Reiner Fischer ist gestern Meister geworden, vielleicht hat das auch damit zu tun, dass Vincenzetti neben ihm schwamm.

Der Mann aus Pesaro ist kein Genie, aber er könnte so etwas wie Angriffslust vermitteln. Die hatte er auch in Italien, aber sie half ihm dort nicht weiter. An den Stars wie Europameister Rummolo oder Olympiasieger Fioravanti kam er nicht vorbei. Nur einmal durfte er international für Italien starten. Da traf es sich gut, dass seine Mutter in Donaueschingen geboren wurde und Sohn Olivier deshalb einen deutschen Pass besitzt, auch wenn er seit seinem sechsten Lebensjahr in Pesaro lebt.

Seine Mutter rief Ralf Beckmann, den deutschen Cheftrainer an, der verwies sie an Melzer. Der Sohn spricht schlecht Deutsch, er wollte den ersten Kontakt lieber nicht herstellen. Aber kurz vor Ostern saß er dann in Melzers Büro. Und der war überaus erfreut, „Wir brauchen einen guten Brustschwimmer für die Lagenstaffel, mit Olivier wird die interne Konkurrenz angestachelt.“ Melzer bat den Unternehmer Heinz Kamann, den Chef von Blau-Gelb Essen, um Hilfe. Kamann stellte eine Wohnung zur Verfügung, sein Klub zahlt auch Flüge von Italien nach Essen. „Wir hoffen, dass Olivier ab August ganz nach Essen kommt“, sagt Kamann. Vielleicht trainiert Vincenzetti auch ein paar Monate im Jahr in Pesaro und reist nur zu Wettkämpfen oder Trainingslagern nach Deutschland. Immerhin ist er in Italien noch als Sportstudent eingeschrieben. Dann hätte sich zumindest die Frage geklärt, welches Familienmitglied nach Essen ziehen soll.

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