• Der Junge mit dem richtigen Händchen Patrick Baum gilt als Nachfolger von Timo Boll

Sport : Der Junge mit dem richtigen Händchen Patrick Baum gilt als Nachfolger von Timo Boll

René Adler[Stadtallendorf]

Er ist der Timo Boll der Tischtennis-Jugendlichen. Bei den Unter-18-Jährigen führt Patrick Baum die Europarangliste souverän an, wie Boll bei den Erwachsenen. Und wie die Nummer vier der Welt bei den Männern ist auch der 17-Jährige aus Flörsheim-Dalsheim bei Worms der größte Herausforderer der im Tischtennis dominierenden Asiaten. In der aktuellen Jugend-Weltrangliste liegt Baum auf dem neunten Platz, hinter fünf Chinesen, zwei Japanern und einem Südkoreaner. „Der Patrick hat das Zeug, ein ganz großer Spieler zu werden“, glaubt sein Vereinstrainer Helmut Hampl. Und der muss es wissen: Hampl war auch Entdecker von Jörg Roßkopf und von Timo Boll, mit denen Baum seit dieser Saison beim hessischen Bundesligisten TTV Gönnern in einer Mannschaft spielt.

„Es unglaublich, was der Patti manchmal im Training für Bälle spielt“, sagt Boll über den sechs Jahre jüngeren Teamkollegen. Rekordnationalspieler Roßkopf, mit fast 36 Jahren immer noch unter den Top 30 der Welt, attestiert: „Patrick hat zweifellos ein Händchen für Tischtennis.“ Mit „Händchen“ bezeichnen die Spieler die Fähigkeit, dem kleinen Tischtennisball durch extrem feingliedrige Bewegungen im Handgelenk einen ganz besonderen Effet oder eine nicht geahnte Geschwindigkeit zu geben. Roßkopf selbst besitzt dieses goldene Händchen nicht, er musste sich alles hart erarbeiten. Er ist einer der Handwerker unter den Profis, während Boll und Baum zur Kategorie Künstler gehören. Ihre Bewegungsabläufe sind wie aus einem Guss, mit einer Atem beraubenden Leichtigkeit platzieren sie die Bälle in die entlegensten Winkel der Platte.

Die Parallelen von Boll und Baum gehen weit über denselben Verein hinaus. Beide sind Linkshänder und sehr introvertiert. Während Boll seine Scheu durch den Aufstieg in die absolute Weltspitze etwas abgelegt hat und mittlerweile sogar nach großen Siegen publikumswirksam auf dem Tisch tanzt, umgibt Baum eine Aura der totalen Verschlossenheit. Fast nie antwortet er auf eine Frage länger als mit einem Satz. Ebenso selten freut er sich darüber, wenn er ein Match gewonnen hat, selbst wenn es ein wichtiges oder der Sieg überraschend war. Immerhin hat der Jungprofi in seiner ersten Bundesligasaison schon Spieler aus den Top 50 der Welt geschlagen.

„Patti, nun lach doch mal, wenigstens für mich!“, bat ihn Bundestrainer Richard Prause im Januar nach dem erfolgreichen Debüt in der Herren-Nationalmannschaft gegen England. Heraus kam ein schüchternes, gequältes Lächeln. „Ich freue mich schon, aber innerlich“, sagt Baum. „Ich weiß auch nicht, warum ich das nicht nach außen zeigen kann.“ Sein Vater, Entdecker und bis vor einem Jahr auch Trainer des Talents, glaubt den Grund zu kennen: „Er hat als Nachwuchsspieler fast immer alles gewonnen, deshalb hat er unglaublich hohe Ansprüche an sich selbst.“ Der Sohn bestätigt: „Ich bin eigentlich nie ganz zufrieden mit meiner Leistung.“

Bei den deutschen Meisterschaften in Stadtallendorf hat der Youngster im Doppel bereits das Viertelfinale erreicht, im Einzel steht er im Achtelfinale. Damit hat er seine Setzung an Position zehn bestätigt. Doch das reicht dem scheuen Aufsteiger noch nicht. „Mit etwas Glück eine Medaille gewinnen“, hat er sich zum Ziel gesetzt. Dazu muss er gegen den „DTTB Top 12“-Sieger David Daus und gegen Jörg Roßkopf gewinnen.

„EM und WM in diesem Jahr kommen für mich noch zu früh“, sagt Baum, der in seiner Freizeit gerne Schach spielt. Aber im nächsten Jahr, bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft im eigenen Land, möchte der 17-Jährige dabei sein. Die deutschen Männer treten in Bremen als WM-Zweiter an, um die Supermacht China herauszufordern. Falls Timo Boll und Patrick Baum das zusammen schaffen, könnte sogar der Wunsch von Bundestrainer Richard Prause in Erfüllung gehen: dass Patrick Baum endlich einmal lacht.

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