Sport : Der Kampf der alten Männer

Italiens Fußballchef Rossi muss sich gegen ein mächtiges Kartell wehren

Vincenzo Delle Donne[Rom]

Öffentlich als Tattergreis ohne Fußballverstand tituliert zu werden, hat Guido Rossi zwar verletzt. Doch der Jurist verkniff sich bewusst jeglichen Kommentar. Der 75 Jahre alte kommissarische Leiter des italienischen Fußballverbandes lächelte nur müde. Der aufgebrachte Diego Della Valle, der mit allen Mitteln gegen den Zwangsabstieg seines Klubs AC Florenz kämpfte, setzte im römischen Magazin „L’Espresso“ noch einen drauf: „Es geht nicht an, dass Rossi die Regeln neu festlegt.“ Dies obliege nur einem, der den Sport und den Fußball wirklich kenne. Neben den Sanktionen im Fußballskandal geht es auch um die Verteilung der Erlöse aus den Fernsehrechten. Bisher durfte jeder Klub die TV-Rechte allein vermarkten. Die Großen wie Juventus Turin, der AC Milan, Inter Mailand oder der AS Rom bekamen das größte Stück des Kuchens ab. Auf der anderen Seite siechten die Provinzklubs am Rande des wirtschaftlichen Ruins dahin.

Della Valle wollte Rossi mit der Attacke zum Rücktritt zwingen. Das war kurz nach der Bekanntgabe der milden Urteile in der Berufungsinstanz im italienischen Fußballskandal. Einen Moment lang sah es tatsächlich so aus, als würde der korpulente ältere Mailänder Herr vor den intriganten Padroni der römischen Palazzi kapitulieren. Mit Rossi wollte auch der Chefermittler Francesco Saverio Borrelli zurücktreten. Denn das milde Urteil hat Rossi und seinem Sekundanten Borrelli gezeigt, mit welchen Bandagen die mächtige Fußballlobby gegen ihre angestrebte Entmachtung zu kämpfen bereit ist.

Mitte Mai wurde Rossi zum kommissarischen Leiter des Fußballverbandes ernannt. Zuvor musste Franco Carraro wegen seiner Verwicklung in den Fußballskandal zurücktreten. Zu sehr war das Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees darin verstrickt. Kaum im Amt, folgte Rossis erste spektakuläre Entscheidung. Rossi ernannte den pensionierten früheren Generalstaatsanwalt von Mailand, Francesco Saverio Borrelli, zum Chefermittler in diesem Skandal. Der 76-Jährige hatte mit seinen Ermittlungen im Mailänder Korruptionsskandal ab 1992 dazu beigetragen, fast die gesamte nationale politische Klasse zu entmachten. Doch gegen die unlauteren Strippenzieher des italienischen Fußballs war Borrelli bisher machtlos. Bei den Verhören der angeklagten Schiedsrichter, Spieler und Funktionäre stieß er auf eine Mauer des Schweigens. „Ich habe bei meinen Ermittlungen selten Menschen gesehen, die wie eine verschworene Gemeinschaft zusammenstehen“, sagte Borrelli.

Rossis Rücktritt ist inzwischen abgewendet. Seine Amtszeit endet im November. Bis dahin will er das italienische Fußballsystem einschlägig reformieren. Nach einem Entwurf sollen die Fernsehrechte wieder vom Verband zentral vermarktet werden, und zwar nach einem Prinzip der Gleichbehandlung. Ein Prämiensystem nach sportlichen Kriterien soll zusätzliche Gerechtigkeit herstellen. Doch der Reformweg wird nicht einfach sein. Denn dafür wäre auch die Unterstützung von Gianni Petrucci, dem mächtigen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, notwendig. Zwischen dem obersten Repräsentanten des italienischen Sports und Rossi gab es zuletzt große Differenzen. Beispielsweise bei der Wahl des Nachfolgers von Trainer Marcello Lippi. Rossi sprach sich für den jungen Trainer Roberto Donadoni aus. Ohne Petrucci zu konsultieren, vertraute er zudem die U 21 den ehemaligen Profis Gianfranco Zola und Pierluigi Casiraghi an.

Im Fußballskandal musste Rossi zunächst eine Niederlage hinnehmen. „Das Alte hat triumphiert“, kommentierte die Mailänder „Gazzetta dello Sport“. Das Alte hat sich allerdings auf einem Trümmerhaufen verschanzt und harrt aus. Dessen Obere hoffen, dass der Skandal schnell in Vergessenheit gerät. Doch der eiserne Rossi gibt sich kämpferisch. Er hat zudem die Rückendeckung der Mitte- Links-Regierung von Romano Prodi. Seine Gegner nähren derweil den Verdacht, Rossi sei voreingenommen. Eine Zeit lang saß der erklärte Inter-Fan im Aufsichtsrat des Mailänder Klubs. Dass jetzt Inter Mailand statt Juventus Turin nachträglich zum Meister der vergangenen Saison gekürt wurde, werten seine Kritiker als Beleg dafür, dass Rossi parteiisch ist.

Borrellis Ermittlungen gehen unterdessen weiter. Er verhörte in den letzten Tagen sowohl die Funktionäre des Erstligaklubs Reggina als auch Messina und die diverser Zweitligaklubs, denen demnächst der Prozess gemacht werden wird. Täglich erhält er darüber hinaus von den Staatsanwaltschaften Neapel, Rom und Turin neue brisante Akten etwa über den Wettskandal, an dem Nationalspieler wie Vincenzo Iaquinta und Gianluigi Buffon beteiligt sind. Der große Knall steht aber bevor, wenn Borrelli sich der Sportleragentur GEA widmet. Sie hatte mehr als 300 Spieler, Trainer und Manager unter Vertrag und war eine Art Kartell des Fußballs, den der frühere Juventus-Manager Luciano Moggi über seinen Sohn Alessandro steuerte. Die römische Staatsanwaltschaft prüft, ob die GEA den Strafbestand einer kriminellen Vereinigung erfülle.

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