Sport : Der Kampf vor dem Kampf

Box-Europameister Krasniqi will vor dem Titelfight seine Ruhe – Gegner Hoffmann tut ihm den Gefallen nicht

Michael Rosentritt

Berlin - Neulich bekam der Profiboxer Mario Veit wenige Minuten vor seinem WM-Kampf in seiner Umkleidekabine Besuch. Ein Herr vom Weltboxverband WBO bat ihn darum, ein Testament aufzusetzen. Es ist nicht gerade stimmungsfördernd für einen Boxer, sich kurz vor einem Kampf mit dem Tod im Ring zu beschäftigen. Die letzten Stunden vor einem wichtigen Kampf sind für die meisten Boxer ohnehin eine Qual. Die nervliche Anspannung nimmt enorm zu. Es geht um viel: um Ruhm, um Ehre, um Geld und auch um die Angst vor dem Versagen. Besonders häufig haben Schwergewichtler solche Gedanken. Wie heißt es doch: je größer und schwerer, desto sensibler.

Demnach müsste Timo Hoffmann geradezu ein liebenswerter Kuschelbär sein. Er ist 2,02 Meter groß, wiegt 123 Kilogramm, hat gewaltige Muskeln und riesige Hände. Am Samstag wird der Boxer aus Eisleben den Titelverteidiger Luan Krasniqi aus Rottweil herausfordern. Ein deutsch-deutsches Duell also. Im Neuköllner Estrel Convention Center (ab 22 Uhr, live im ZDF) geht es um die Europameisterschaft im Schwergewicht, dem wichtigsten Titel des Kontinents. Für beide Boxer ist es vielleicht der wichtigste Kampf der Karriere. Wer ihn gewinnt, besitzt eine realistische Chance, in einem der vier Weltverbände um die Weltmeisterschaft zu boxen. Krasniqi ist 33, ewig wird er nicht seinen EM-Titel verteidigen wollen. Hoffmann ist zwar drei Jahre jünger, hat seinen bisher einzigen EM-Kampf aber verloren. Im November 2000 unterlag er dem jetzigen WBC-Weltmeister Witali Klitschko nach Punkten.

Auf die psychischen Belastungen der letzten Stunden vor dem Kampf reagieren die Boxer recht unterschiedlich. Die Klitschkos etwa spielen Schach, um sich abzulenken, Sven Ottke, laut Selbsteinschätzung „ein einziges Nervenbündel“, ging vor jedem Fight zum Friseur. Von Graciano Rocchigiani wusste man, dass er stündlich stinkiger wurde, bis er besonders übel gelaunt war. In einem solchen Gemütszustand lieferte er seine besten Kämpfe. „Das ist immer typbedingt“, sagt Luan Krasniqi, „ich will in dieser Phase nunoch meine Ruhe haben.“

Ohnehin gilt Krasniqi als vergleichsweise ruhig. Mit 16 Jahren ist er seinen Eltern aus dem Kosovo ins Schwäbische nachgezogen. In Rottweil begann er mit dem Boxen, lernte Deutsch, machte sein Abitur, wurde mit 23 eingebürgert und 1996 Europameister bei den Amateuren und Olympiadritter in Atlanta. Mittlerweile spricht der vereidigte Gerichtsdolmetscher fünf Sprachen.

Bei Timo Hoffmann liegen die Dinge etwas anders. Nach nur 86 Amateurkämpfen wechselte der gelernte Konditor ins Profilager. Dort wurde er Deutscher und Internationaler Deutscher Meister. Doch mit seiner Art kam nicht jeder zurecht. Hoffmann, der sich den Kampfnamen „Deutsche Eiche“ zugelegt hat, blieb immer ein Eigenbrötler. Erst verweigerte er Trainer Uli Wegner die Gefolgschaft, danach verließ er recht bald Trainer Manfred Wolke. Hoffmann landete wieder in seiner Heimat Eisleben und wird dort von Detlef Schulze trainiert. Weil auch ihm langsam die Zeit wegläuft, ist der Kampf am Samstag seine letzte Chance. Sein Management schickte ihn für sechs Wochen an die amerikanische Ostküste ins Gym eines ehemaligen Weltmeisters. „Reisen soll ja bilden“, sagt Hoffmann lapidar. Und sonst? „Ich brenne darauf, den Kampf hinter mich zu bringen. Dann will ich Weltmeister werden.“

Einmal Weltmeister zu werden, bezeichnet auch Krasniqi als seinen Traum. „Alles was ich mache, mache ich mit einem großen Ehrgeiz“, sagt er. Zumindest fast alles. Vor zwei Jahren wollte er mitten in einem EM-Kampf nicht mehr weiterboxen. Gegen den Polen Saleta lag er nach Punkten haushoch in Front, hatte sich aber total verausgabt. Nach neun Sekunden der neunten Runde sagte er nur noch: „Es ist aus! Schluss!“ Luan Krasniqi gab einfach auf. Acht Monate später schlug er dann Saleta in einem Revanchekampf um den EM-Titel in der ersten Runde k.o.. Heute erzählt er, wie gut es war, dass er sich diesem Gegner gestellt hat. „Das Trauma ist verblasst. Ich denke heute nicht mehr eine Sekunde daran.“

Was Krasniqi aber wohl nie wird abstellen können, ist seine Nervosität vor einem Kampf. Das weiß Hoffmann. Und natürlich weiß er auch, wie man einen solchen Typ Boxer provozieren kann – mit Sprüchen wie diesen: „Luan hat alle seine Stärken bisher verheimlicht“, oder: „Ich kenne ihn aus Amateurzeiten, er hat sich boxerisch nicht weiterentwickelt.“ Sein Gegenüber hält nicht viel vom „trash talking“, der Verbalschlacht vor einem Kampf. Er beherrscht diese Kunst auch nicht. Bis es ihm am vergangenen Mittwoch zu bunt wurde, nachdem Hoffmann verbal völlig abgeglitten war. „Ich möchte den Titel endlich wieder nach Deutschland holen“, hatte der gesagt. Krasniqi, der Titelinhaber kosovo-albanischer Abstammung, traute seinen Ohren nicht. „Was soll man dazu noch sagen“, sagte er: „Ich werde mit ihm im Ring abrechnen.“

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