Sport : Der Kandidat

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Von Christian Hönicke

Hockenheim. Es soll Leute geben, die es nicht so sehr mit Michael Schumacher halten. Diese Leute kommen nicht gerade heute nach Hockenheim, aber es gibt sie. Juan Pablo Montoya heißt der Mann, der ihre Hoffnungen darauf vereint, dass die Dominanz des Kerpeners in der Formel 1 irgendwann ein Ende hat. Dabei hat der 26-Jährige aus Bogota bei bisher 28 Versuchen lediglich ein Formel-1-Rennen gewonnen. Dass er ein Siegertyp ist, hat er jedoch schon in der amerikanischen Champcar-Serie bewiesen, die er 1999 gleich im ersten Jahr gewann, ein Jahr später triumphierte er auch bei den legendären 500 Meilen von Indianapolis.

Doch es sind nicht so sehr seine Erfolge, die dem Kolumbianer die Rolle des größten Herausforderers und zukünftigen Weltmeisters eingehandelt haben. Es ist vielmehr die Art, wie Montoya vor eineinhalb Jahren in die Formel 1 kam und wie er sich seitdem in ihr behauptet. Seine erste Amtshandlung war die Feststellung, dass es keinen Fahrer gebe, den er nicht schlagen könne. Ein klarer Affront gegen Michael Schumacher. Wiewohl alle großen Champions auf diese Weise die Grand-Prix-Bühne betraten, Schumacher eingeschlossen. Nur dass er bei seinem Debüt 1991 ausdrücklich Ayrton Senna ausnahm, weil der „ein besonderer Fall“ sei.

Überhaupt Senna. Es vergeht kein Rennwochenende, an dem Montoya nicht mit dem 1994 tödlich verunglückten Brasilianer verglichen wird. Oberflächlich gesehen liegt der Vergleich der beiden Südamerikaner nahe, doch es steckt mehr dahinter. Als Kind schaute Montoya Formel 1, weil sein Vater, ein Architekt und Rennfahrer, ein glühender Verehrer des Brasilianers war. Ob er daher so viel von ihm übernommen hat? Seine manchmal schroffe, aber immer hemmungslos offene Ausdrucksweise könnte jedenfalls, wenn man nur kurz die Augen schließt, zu der Annahme führen, Senna sei noch da.

Wenn man die Augen wieder aufmacht, verschwinden einige Gemeinsamkeiten. Zwar erinnern Montoyas Ruhe ausstrahlenden, braunen Augen an den Brasilianer, aber zu jungenhaft und unbeherrscht sind seine Gesten. Die Ernsthaftigkeit eines Senna, der in allem und jedem einen tieferen Sinn sah, sieht man nur selten. Wenn den Kolumbianer etwas nicht interessiert, zieht er die Mundwinkel nach unten und zuckt mit den Schultern. Wenn ihm etwas nicht gefällt, drückt er es in teils derben Worten aus und grinst danach wie ein Schuljunge.

Auch beim Thema Hockenheimring. Wie Senna liebte er die alte Strecke mit ihren langen, einsamen Waldgeraden. Sein Urteil über den neuen Kurs fällt vernichtend aus: „Zum Vergessen. Der ist doch wie alle anderen Kurse auch. Wo sind die Herausforderungen?“ Das ist die druckreife Version.

Trotzdem ist diese Art von Polarisierung eine wohltuende Abwechslung zu vielen anderen Fahrern, die manchmal eher an Versicherungsvertreter als an todesmutige Geschwindigkeitsfanatiker erinnern. Gerade, weil sich nach Sennas Tod viele einen Fahrer mit Charisma und generell ein wenig mehr Abenteuer zurück in die Formel 1 wünschen.

Das betrifft auch Montoyas Stil. Sein Helm, wie einst auch der von Senna in den Nationalfarben seines Heimatlandes gehalten, hat sich in kürzester Zeit zu einem Markenzeichen entwickelt. Selbst in Hockenheim, auf Feindesland, herrscht jedes Mal respektvolle Stille, wenn er im Motodrom auftaucht. Und wenn sich Montoya mit Schumacher anlegt, wie bereits mehrmals auf der Strecke oder abseits davon geschehen, fühlt man sich an die an Härte kaum zu übertreffende Fehde zwischen Senna und seinem Lieblingsfeind Alain Prost erinnert. Beide Fälle symbolisieren den Kampf von Emotionalität gegen Kalkül. Vielleicht hat Michael Schumacher diese Parallele auch bemerkt. In letzter Zeit ist er jedenfalls auffällig bemüht, sie nicht weiter zu fördern. Montoyas Aussagen wie „Schumacher hat eben ein gutes Auto, deshalb gewinnt er so oft“ prallen anscheinend ohne Wirkung ab. Schumacher weiß, dass der Kolumbianer solche Sachen sagen muss, weil er sich als Herausforderer profilieren will.

Noch kann der Deutsche auf der Rennstrecke antworten. Wie gestern beim Qualifikationstraining zum Großen Preis von Deutschland in Hockenheim, das Schumacher gewann. Damit verhinderte er die sechste Poleposition des Williams-Piloten in Folge. Montoya fühlte sich auf der neuen Strecke „noch nicht wohl“ und wurde Vierter. Trotzdem ist der Kampf gegen die Uhr, der Test purer Schnelligkeit, die Spezialität des Kolumbianers. Sein Chef im BMW-Williams-Team, Gerhard Berger, spricht bereits vom Montoya-Effekt. Vor zehn Jahren gab es jemanden, der diese Disziplin ähnlich gut beherrschte: Damals sprach man vom Senna-Effekt. Der Brasilianer hatte es auf 65 Trainingsbestzeiten gebracht. Berger war einer der Leidtragenden seiner Dominanz.

Auch Teamchef Frank Williams ist Montoyas Stärke nicht verborgen geblieben. Er riskiere mehr, teste das Limit des Autos besser aus als sein Teamkollege Ralf Schumacher, Michaels Bruder. Auch wenn Montoya manchmal zu weit geht und auch in Hockenheim ein paarmal neben der Strecke war, sagt Williams über den ungestümen Fahrstil des Koumbianers: „Ich liebe jede Sekunde davon.“ Verständlich, schließlich war es einst sein Herzenswunsch, den großen Senna in sein Team zu holen. 1994 hatte es Williams geschafft. Drei Rennen bestritt der Brasilianer für ihn und kam dabei nie ins Ziel. Aus dem vierten kehrte er nicht lebend zurück.

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