Sport : Der Kapitän geht vom Platz

Gerhard Schröder gab sich gern als Fußballkanzler – nach seiner Auswechslung darf er wieder Fan sein

Robert Ide

Berlin - Gerhard Schröder liegt gerade richtig. Werder Bremen, sein Lieblingsklub, führt die Tabelle der Fußball-Bundesliga an. Das dürfte dem als Bundeskanzler gerade ausgewechselten Schröder gefallen, schließlich hat er einmal den Kampf „der armen, bodenständigen Bremer gegen die Münchner Millionarios“ gelobt. Das war nicht nur sportlich gemeint, sondern – wie alles im Amt – politisch. Genau wie die Schwärmerei, Borussia Dortmund vereinige „Innovation und Gerechtigkeit“, genau wie die Besuche bei Energie Cottbus zum mentalen Aufbau Ost, die Verbundenheit zum Heimatverein Hannover 96, ach ja, bei Schalke war er auch gern, in Kaiserslautern, er sympathisierte mit Hertha, wenigstens mit „dem wunderbaren Torwart Kiraly“. Ja, Gerhard Schröder war ein Politiker, der den Fußballfan in sich zu verstecken wusste. Echte Fans haben nur einen Verein.

Am Mittwochabend gab Schröder seinen Abschied als erster Fußballkanzler der Bundesrepublik Deutschland. Im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnete er die Ausstellung „Rundlederwelten“, eine Schau der modernen Fußballkunst. Schröder streute ein wenig Fachwissen in seine Rede; eine Art, mit der er früher schon manchen Saal begeistert hat (Die Elf von ’54? Kein Problem!). Diesmal, umgeben von 1000 Künstlern und Ehrengästen, betonte er, dass Fußball kein Proletensport mehr sei. „Es wäre schön, wenn sich bald alle Fußballfans auch für Kunst interessieren“, sagte Schröder, umspült von Beifall. Es war der letzte Abend der Inszenierung des Sports durch eine Regierung, wie sie das Land vor Rot-Grün noch nicht kannte. Nun gibt es keine Elfmeter von Kabinettsstürmern in Anzügen mehr, keine sportpolitischen Empfänge bei Fußballturnieren, keine Sportlerehrungen im Kanzleramt. Oder macht das auch Frau Merkel? Viele können sich das nicht vorstellen – nicht einmal Franz Beckenbauer, wie er kürzlich in kleiner Runde verriet.

Für Fußballbegeisterung hatte Schröders Regierung einen politischen Rahmen geschaffen. Um die WM 2006 ins Land zu holen, stellte sich der Kanzler eine halbe Stunde schweigend vor eine Präsentationswand des Weltverbandes Fifa und drückte die Daumen; nach dem Erfolg saß er beim österreichischen Multikünstler André Heller in dessen Garten am Gardasee und feilte am WM-Kulturprogramm, das ein weltoffenes Deutschland darstellen soll. Am Mittwoch im Gropius-Bau nannte er Heller „den lieben André“ und umarmte ihn. Zur WM werden teils öffentlich finanzierte Kampagnen aufgelegt, etwa für den Wirtschaftsstandort und für mehr Freundlichkeit. 30 Millionen Euro gibt der Bund für künstlerische Begleitung – inklusive „Rundlederwelten“.

Ein Wahlkampfhit hätte die WM werden können für Schröder und Schily (der ist nur Fan des Zweitligisten Unterhaching). Dann kam die Politik dazwischen: eine Agenda, die die Arbeitslosenzahlen nicht senkte, sowie eine von vielen verlorenen Landtagswahlen. So gab es schon vor der WM Wahlen zum Bundestag, und zur WM gibt es eine neue Kanzlerin.

„Fußball ist ein Spiel, in dem die Mannschaft nichts werden kann ohne den herausragenden Einzelnen“, hat Schröder einmal im Tagesspiegel geschrieben. Vielleicht hat er damit auch sich selbst gemeint. Denn immer, wenn ihn Sportminister Schily mit in sein Revier nahm und die mit einem Kanzlerbesuch Geehrten ihm „Acker“-Trikots schenkten (so Schröders zu oft zitierter Spitzname bei seinem Jugendverein TuS Talle), zeigte Schröder Leidenschaft. Als er zum ersten Mal das „Wunder von Bern“ sah, soll er im Kino geweint haben. Egal, ob die Geschichte stimmt oder nicht – sie passt.

Gerhard Schröder kann jetzt wieder privat ins Stadion gehen. Für welchen Verein wird er sich entscheiden?

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