Sport : Der Kapitän ist kein Kandidat

Stefan Hermanns

Oliver Bierhoff hat es nicht leicht in diesen Tagen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft kämpft um die Qualifikation für die WM im kommenden Jahr, doch die Dienste ihres nominellen Kapitäns werden dazu nicht mehr gebraucht. Dass sich daran noch einmal etwas ändern wird, ist auszuschließen - es sei denn der Fußballweltverband ändert bis zum Mittwochabend seine international gültigen Regeln. Man müsste wie beim Handball oder beim Basketball beliebig viele Spieler pro Spiel einwechseln dürfen. Dann könnten Mario Basler oder Thomas Häßler ausschließlich zur Ausführung von Freistößen nominiert werden, und Oliver Bierhoff dürfte bei Ecken oder anderen ruhenden Bällen in Nähe des Tores auf den Platz. "Aber anders als beim Handball ist das nun mal nicht möglich", sagte Bundestrainer Michael Skibbe.

Eigentlich wollte Skibbe mit seiner Äußerung auf die immer noch vorhandenen Stärken Bierhoffs verweisen, in Wirklichkeit aber ist es eine klatschende Ohrfeige, wenn ein Trainer seinem Spieler nicht mehr zutraut, im richtigen Moment den Kopf in die Flugbahn des Balles zu halten. Die Personalie Bierhoff, bei der Nationalmannschaft längst zum Dauerthema geworden, nimmt inzwischen unwürdige Formen an. Gestern wiederholte auch Deutschlands Fußball-Großmeister Franz Beckenbauer seine Kritik an Bierhoff: "Zurzeit kann ihn in Deutschland ein Trainer nicht bringen", ließ Beckenbauer in seiner Kolumne für die "Bild"-Zeitung schreiben. "Spätestens seit dem 0:0 gegen Finnland wird er vom Publikum abgelehnt." Vielleicht auch deshalb, weil Beckenbauer noch selten gut über Bierhoff geredet hat. Am liebsten wäre es dem Vizepräsidenten des DFB wohl, wenn der Immer-noch-Kapitän seine Nationalmannschaftskarriere endlich beendete. Jedenfalls riet Beckenbauer Bierhoff, er solle sich überlegen, ob er in der Nationalelf weitermacht, natürlich nur, weil er es gut mit ihm meint: "Mir täte es Leid, wenn er jetzt nur noch als Nummer 20 nebenher liefe."

Ob Rudi Völler ebenso denkt, ist in diesen Tagen schwer zu ergründen. Am Sonntag sagte der Teamchef: "Oliver Bierhoff ist auch noch hier." Es klang fast so, als sei ihm dessen Anwesenheit im Kreise der Mannschaft eher lästig. In der Regel aber liefert Völler vor der Presse Pro-Bierhoff-Statements ab wie: "Er spielt in meinen Überlegungen immer ein Rolle." Klar, sonst müsste er ihn nicht für die Nationalmannschaft nominieren. Gestern übernahm Michael Skibbe die Verteidigung des Angeklagten gegen den Volkstribun Beckenbauer: "Ich halte nichts davon, wenn Spieler, die ohnehin in der Kritik stehen, von Leuten, die im deutschen Fußball eine gewaltige Rolle spielen, weiter belastet werden." Besser wäre es, "man würde den eigenen Spielern den Rücken stärken", sagte Skibbe. Bierhoff habe nach wie vor eine gute Torquote und besitze auch weiterhin "das uneingeschränkte Vertrauen von Rudi und mir". Nur spielen darf er meistens nicht mehr.

Gegen die Ukraine ging es Bierhoff wie schon Anfang September gegen England: Er saß 90 Minuten auf der Bank. In Kiew wurde er nicht einmal zum Warmlaufen geschickt. "Es war ein enormes Kampfspiel mit hohem Tempo", antwortete Skibbe auf die Frage, warum Bierhoff mit seiner Kopfballstärke gegen die schwache ukrainische Abwehr nicht eingewechselt wurde. Mit anderen Worten: Wenn es hart und schnell wird, kann man Bierhoff nicht gebrauchen. Trotzdem sagt Skibbe, dass Bierhoff "derjenige sein kann, der uns zur WM köpft".

Dazu käme es aber wohl nur, wenn Bierhoff im Laufe des Rückspiels gegen die Ukraine eingewechselt werden sollte. Auf einen Einsatz von Beginn an kann sich der 33-Jährige keine Hoffnungen machen, obwohl mit Gerald Asamoah und Alexander Zickler die beiden Stürmer aus dem Hinspiel ihren Platz in der Mannschaft verlieren werden. Erste Kandidaten für die Neubesetzung dieser Positionen sind jedoch Carsten Jancker und der in Kiew gesperrte Oliver Neuville. Nicht Bierhoff.

Jancker kam am Samstag zu seinem ersten Kurzeinsatz nach siebenwöchiger Verletzungspause. "Ich würde ihm zutrauen, auch von Beginn an spielen zu können", sagte Michael Skibbe. Neuville sei eine weitere, sehr gute Alternative, "was ihm sicherlich fehlt, ist mal ein Tor in der Nationalmannschaft." Anders als Neuville hat Oliver Bierhoff in der Nationalmannschaft viele Tore gemacht, 31 insgesamt, darunter auch einige wichtige, doch das liegt lange zurück. Im Sturm, so sagte Skibbe, "haben wir eine enorme Auswahl von Spielern. Von guten Spielern." Über Teil zwei dieser Einschätzung lässt sich sicherlich streiten. Eins aber ist klar. Für Oliver Bierhoff sind die Spieler im deutschen Sturm im Moment auf jeden Fall zu gut.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben