Sport : Der Kapitän und das Schicksal Markus Baur ist die Stütze des deutschen Teams

Sven Goldmann[Köln]

Das Schicksal ist ein schwer zu berechnender Zeitgenosse. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft hat er die Deutschen im vergangenen Sommer aus allen Endspielträumen gerissen. Im Halbfinale gegen Italien war ein Elfmeterschießen schon beschlossene Sache, und das kann bekanntlich keine andere Nation auf der Welt so gut wie Deutschland. Das Schicksal aber schenkte Italien kurz vor Schluss ein Tor und dann noch eins, und die Nation der Elfmeterschützen hat geweint.

Auch bei der Handball-WM scheint sich das Schicksal im Augenblick größter Not gegen Deutschland zu wenden. Im Halbfinale in der Kölnarena sind nur noch 49 Sekunden zu spielen, als Luc Abalo das 21:20 für Frankreich wirft. In diesem Augenblick gibt das Schicksal Heiner Brand eine Eingebung. Der Bundestrainer gehorcht und schickt Markus Baur aufs Feld.

Markus Baur ist für die Handballer, was Michael Ballack für die Deutschen bei der Fußball-WM war. Er gestaltet das Spiel und ähnelt Ballack sogar vom Laufstil her, aber ähnlich wie dieser bestreitet er die Weltmeisterschaft mit einen Handicap. Markus Baur kann wegen einer in der Hauptrunde erlittenen Wadenzerrung nicht richtig laufen. Er ist schon 36 und sein Nachfolger steht bereit. Michael Kraus hat Baur mehr als nur ersetzt, er ist die große Überraschung dieser WM, ein freches Bürschchen mit Mut zu unkonventionellen Lösungen. Aber in dieser Phase, die entscheidet über Finale oder Tränen und in der die Fans in der Kölnarena kurz vor dem Durchdrehen sind – in dieser Phase legt Bundestrainer Brand das Glück in die Hände des erfahrenen Kapitäns.

Markus Baur trägt einen orthopädischen Stützstrumpf und kann das rechte Bein nicht voll belasten, aber er ist selbstbewusst, denn in seinen paar Kurzeinsätzen hat er zwei Siebenmeter verwandelt. Der Ball läuft gut und schnell durch die Hände der sechs deutschen Feldspieler, aber genauso schnell verrinnt die Zeit, noch vierzig, dreißig Sekunden, es findet sich keine Lücke. Baur muss das Schicksal zwingen, auf dem linken Flügel, wo er doch gar nichts zu suchen hat. Zwei Franzosen greifen ihn an, Baur lässt sich zur Seite fallen, Torhüter Thierry Omeyer baut sich vor ihm auf, aber irgendwie bringt Baur den Ball aus spitzem Winkel im Tor unter. 21:21, achtzehn Sekunden vor Schluss. Omeyer fasst sich entgeistert an den Kopf.

Ab jetzt ist es das Spiel des Markus Baur. Er verwandelt noch einen Siebenmeter und legt Dominik Klein den Ball zum spektakulären Kempa-Trick auf, in der Verlängerung eines WM-Halbfinales! Und er wirft das Tor, das Deutschland ins Finale bringt, wieder per Siebenmeter, 65 Sekunden vor Ende der zweiten Verlängerung. Die Minuten nach der Schlusssirene erlebt Baur in Trance, ein Betreuer gibt ihm eine Deutschlandfahne, Baur trägt sie als Umhang festgeknotet um die Schultern, er herzt erst seine Frau und dann Stefan Kretzschmar, den alten Kumpel aus vergangenen Nationalmannschaftszeiten.

Die Kollegen um ihn herum brüllen „super!“ und „geil!“ und „Wahnsinn!“, allein Markus Baur formuliert druckreife Sätze: „Wir haben schon vor einem Jahr zusammengesessen und uns gesagt, dass wir dieses Turnier unbedingt gewinnen wollen. Jetzt sind wir nur noch ein Spiel von diesem Ziel entfernt. Es ist das eingetreten, was wir uns vorgenommen haben.“ Gegen Finalgegner Polen gab es in der Vorrunde die einzige deutsche Niederlage. Baur flog mit einer Roten Karte vom Platz, es war sein 36. Geburtstag, und nach dem Spiel hat er gesagt: „Vor drei Jahren haben wir bei der EM auch an meinem Geburtstag verloren, und jeder weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist.“ Deutschland wurde Europameister, aber ohne Markus Baur, der mal wieder verletzt war. Das Schicksal hat am Sonntag einiges gutzumachen.

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