Sport : Der Kick im Viereck

Deutschland gegen Holland: Zum Auftakt der Dressurwettbewerbe bei den Weltreiterspielen gibt es viel Spannung und ein bisschen Ärger

Jeannette Krauth[Aachen]

Ein paar Fachleute hatten Heike Kemmer auf dem Tippzettel – aber dass sie so eine glatte Vorstellung liefern würde, und sich mit 75,8 Prozent aller möglichen Punkte an die Spitze der ersten Prüfungen setzte, überraschte dann doch. „Dieses Stadion, das war der Kick“, sagte sie, ihr Pferd Bonaparte hätte beim Einritt richtig Energie aus den jubelnden Zuschauern geschöpft. Dank Kemmers starkem Ritt führten die Deutschen nach dem ersten Dressurtag vor den Niederlanden. Zuvor war noch Hubertus Schmidt enttäuscht aus dem Viereck im Stadion von Aachen gekommen. 40 000 Zuschauer bei den Weltreiterspielen für die Dressur, das gab es noch zu keinem Dressurwettbewerb, nicht mal bei Olympia, das ist Premiere. Der Grand Prix, eine Prüfung mit vorgegebenen Lektionen, zählt für die Mannschaftsmedaillen, die aber erst am Mittwoch vergeben werden. Das Starterfeld ist zu groß, um alle an einem Tag reiten zu lassen.

Am Dienstag starteten zunächst jeweils zwei Mitglieder einer Mannschaft. Schmidt war der erste deutsche Starter, und sein Ritt wurde mit schwachen 69,2 Prozent bewertet. „Dann bin ich eben das Streichergebnis“, sagte er enttäuscht, drei von vier Ritten zählen pro Mannschaft. Über 75 Prozent müssen die deutschen Reiter jeweils holen, um nicht chancenlos zu sehen, wie die Niederländer sie überrunden. In den letzten Jahrzehnten waren die internationalen Dressurprüfungen fest in deutscher Hand, sie sind seit 1974 Weltmeister. Aber das könnte sich in diesem Jahr ändern: Die Niederländer reiten oft spektakulärer, ausdrucksstärker und auch konstanter.

Der erste Tag aber war gar nicht glücklich für die Equipe in Orange. Zwar erreichte Imke Schellens-Bartels mit 71,5 Prozent das drittbeste Ergebnis des Tages – aber der vierte Reiter des Teams, Laurens van Lieren, blieb weit unter seinen üblichen Werten: 68,5 Prozent erzielte er mit Ollright. „Ich konnte mich nicht richtig vorbereiten“, sagte er. Der Grund war ein Missverständnis, das ihm Zeit raubte: Auf dem Vorbereitungsplatz wies ihn ein Steward, also ein Aufpasser, an, die Satteldecke zu wechseln – Decken mit Logos seien nicht erlaubt. Van Lieren unterbrach also das Aufwärmen, suchte nach einer Decke ohne Aufschrift. „So eine hatten wir ja gar nicht“, sagte er, Stunden später noch aufgeregt und sichtlich enttäuscht. „Schließlich habe ich eine beige Decke genommen, wo der Name einer Teamkollegin drauf gestickt war, den hab ich noch schnell mit einer Nummernplakette abgedeckt.“ Eine Viertelstunde von seiner einstündigen, normalen Vorbereitungszeit verlor er so – wurde nicht mal zu Beginn, sondern mitten in Aufwärmen gestört.

Dann misslang sein Ritt, und schließlich stellte sich heraus, dass Teamlogos doch erlaubt sind, nur private nicht. Und van Lieren hatte ein Teamlogo auf der Decke. Brisant ist der Vorfall, weil er wieder so richtig hineinsticht, in das angeschlagene Verhältnis Niederlande und Deutschland. „Welche Nationalität hatte der Steward?“ fragte ein Niederländer die Vorsitzende des Weltreiterverbandes FEI, Mariette Whittages. „Das ist wohl keine politische Frage“, antwortete sie. Whittages wand sich ein bisschen, bevor sie sagte: „Es ist offiziell bekannt, dass alle Stewards aus Deutschland kommen.“ Angekratzt ist das Verhältnis der Nachbarländer aufgrund der Diskussion um die Trainingsmethoden des Teamchefs Sjef Janssen: Seine Schüler führen das Pferd im Training sehr eng im Hals. Das halten manche Experten für extrem gesundheitsschädlich. Besonders in der deutschen Fachpresse wurde es als tierschutzwidrig kritisiert, woraufhin die Niederländer ihre Starts auf deutschem Boden einschränkten.

Eigentlich soll ja das, was heute etwa auf den Weltreiterspielen gezeigt wird, Endziel der Ausbildung sein: Pferde, die jahrelang gymnastiziert und gestärkt wurden, so dass sie auf den kleinsten Hinweis schwierige Lektionen zeigen. Dabei gilt laut der Reiterbibel schlechthin, der „Richtlinien für Reiten und Fahren“ der Deutschen Reiterlichen Vereinigung: „Oberstes Ziel der Ausbildung ist Harmonie von Reiter und Pferd und damit das Vertrauen zueinander.“ Soweit die Theorie. Wer genau in der Dressur hinschaut, kann selbst sehen, ob dieses oberste Prinzip umgesetzt wird – unabhängig von Nationalitäten. Schlägt das Pferd kräftig mit dem Schweif? Das ist ein Zeichen für Unzufriedenheit. Oder: Pendelt der Schweif ruhig hin und her? Ein Zeichen für Zufriedenheit.

Spannend wird die Dressur allein schon dadurch, dass man die Lektionen erkennt, und nicht nur einen tänzelnden Einheitsbrei sieht. Zu allen WM-Prüfungen gehört etwa die Passage. In dieser Lektion sieht es aus, als ob das Pferd in Zeitlupe trabt. Die Richter benoten, ob das Pferd gleichmäßig und fleißig ist, sozusagen „im Takt“ bleibt. Piaffe nennt man es, wenn das Pferd sich nicht mehr fortbewegt, sondern scheinbar auf der Stelle trabt; auf und ab, wie ein gut geölter Kolben. Elvis, das Pferd von Nadine Capellmann, hält dabei manchmal den Kopf eine Idee zu tief – dann treten die Hinterbeine nicht mehr so fleißig mit. Mal sehen, wie er das heute machen wird – denn die Reiter, die das Duell zwischen Deutschland und den Niederlanden entscheiden werden, gehen am zweiten Tag an den Start: Anky van Grunsven und Edward Gal für die Niederlande und Nadine Capellmann und Isabell Werth für Deutschland.

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