Sport : Der Killer, der mit den Tränen kämpft

Ivan Klasnic ist zurück mit neuer Niere – und führt Bremens Reserve zum Pokalsieg gegen den FC St. Pauli

Frank Hellmann[Bremen]

Am Tag danach ist Ivan Klasnic die Aufregung nicht ganz geheuer. Die vielen Nachfragen, die nicht endenden Glückwünsche, die unzähligen Anrufe und Kurzmitteilungen auf seinem Handy. „Natürlich habe ich auf diesen Tag X gewartet“, erzählt der 27-Jährige, „aber ich war doch nicht die Hauptperson.“ Fragen nach seinem Gesundheitszustand beantwortet er provokativ desinteressiert: „Es geht mir gut. Ist doch alles ganz normal, oder?“ Der Fußballprofi weiß natürlich, dass er einen der Gründe lieferte, warum der Dienstagabend eben nicht normal verlief. Beim 4:2 (2:2, 2:2, 1:1)-Pokalsieg im Elfmeterschießen der zweiten Mannschaft von Werder Bremen gegen den FC St. Pauli lief er sieben Monate nach seiner Nierentransplantation erstmals wieder zu einem Pflichtspiel auf. Klasnic ist der erste Fußballer, der nach solch einer schweren und erst im zweiten Versuch geglückten Operation wieder seinem Beruf nachgeht. „Es war schön, dass daran so Anteil genommen wurde“, sagte Klasnic. Schließlich gab er doch einen kleinen Einblick in den Tag, an dem der in Hamburg geborene Kroate, der acht Jahre lang beim FC St. Pauli spielte, auch von den Gästefans unentwegt mit „Ivan, Ivan“-Sprechchören gefeiert wurde. „Es hat schon beim Einlaufen überall gekribbelt“, gab Klasnic zu. „Als die Fans meinen Namen gerufen haben, hätte ich weinen können.“

Tatsächlich war es eine geschichtsträchtige Pokalpartie, die da am Dienstagabend vor fast 15 000 Zuschauern im Weserstadion stattfand: Beide Tore in der regulären Spielzeit durch Kevin Schindler und Martin Harnik leitete Klasnic ein; und als Nachwuchstrainer Thomas Wolter nach 67 Minuten das Signal zur Auswechslung gab, applaudierte ein jeder. Klasnic ging indes nicht in die Kabine, sondern feuerte die Regionalliga-Spieler an, animierte das Publikum und wies schließlich Torwart Nico Pellatz vorm Elfmeterschießen an, bitte zwei Schüsse zu halten. Der tat wie ihm befohlen – fertig war das märchenhafte Comeback. „Er hat Raffinesse ins Spiel gebracht“, erklärte Wolter, der nach der ersten missglückten Transplantation nicht mehr an Klasnics Rückkehr geglaubt hatte. „Ich habe nur gedacht, hoffentlich wird der je wieder gesund.“

Im Hochleistungssport gibt es bisher kaum vergleichbare Beispiele. Eigentlich nur den NBA-Basketballer Alonzo Mourning, der für Klasnic stets als Vorbild galt. Doch der lebenslustige Kroate, nicht gerade als Disziplinfanatiker und Trainingsweltmeister bekannt, weiß, dass er ein Leben lang auf einem schmalen Grat wandelt. Tag für Tag muss er Tabletten nehmen, die das Abstoßen der am 16. März eingepflanzten Spenderniere seines Vaters verhindern. „Diese starken Medikamente haben erhebliche Nebenwirkungen“, sagt Professor Jürgen Klempnauer, der damals die Operation durchführte. Klasnic trägt zudem einen speziellen Glasfiberschutz, der die Niere vor Schlägen oder Tritten schützt. „Ein gewisses Restrisiko bleibt“, sagt Jürgen Klempnauer, „aber das ganze Leben ist eine Folge von Risiken.“

Wie geht es nun weiter mit Werders Nummer 17, die von den Fans nur Killer genannt wird? Sportchef Klaus Allofs und Profi-Trainer Thomas Schaaf mahnen stets Geduld an, doch Klasnic schlägt ein hohes Tempo an: am 27. September das erste Training bei den Profis, am 25. Oktober die zwei Tore im Testspiel der Amateure bei den Sportfreunden Wüsting-Altmoorhausen, nun das glanzvolle Comeback im Weserstadion, wo Klasnic zuletzt am 17. Dezember 2006 beim 2:1 gegen Wolfsburg gespielt hatte. Die Rückkehr in die Bundesliga ist das erklärte Ziel des einstigen kroatischen Nationalspielers: „Ich habe mich gezeigt, ich bin bereit.“

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