Sport : Der kleine Chef

Ademola Okulaja führt jetzt das deutsche Team, aber der Basketball-Supercup geht nach Italien

Benedikt Voigt

Berlin - Der Schiedsrichter an der Mittellinie wirkte ungeduldig, als sich Ademola Okulaja am Freitagabend in der Max-Schmeling-Halle für seinen Freiwurf Zeit nahm. Erst atmete der deutsche Basketball-Nationalspieler mehrfach tief durch, dann ging er in die Knie und drehte den Ball in seinen Händen. Die erlaubten fünf Sekunden Vorbereitungszeit verstrichen, und womöglich hätte der Schiedsrichter an der Mittellinie abgepfiffen, wenn nicht Steffen Hamann die Situation geklärt hätte. „He’s old“, sagte er und gab dem Schiedsrichter einen Klaps auf den Po. Beide lachten.

Ademola Okulaja mag mit 30 Jahren vielleicht alt sein, aber das macht ihn nur umso wichtiger. Der Teamkapitän ist der wahre Chef in der deutschen Basketball-Nationalmannschaft. Das zeigte schon das Aufwärmen zum Finale beim Turnier um den Supercup, das die deutsche Mannschaft nach der 65:70-Niederlage gegen Italien auf Platz zwei beendete. Okulaja lief beim Warmmachen vorneweg, er bestimmte das Tempo, alle anderen folgten ihm – auch Dirk Nowitzki, der deutsche NBA-Star, der sich im Gegensatz zu Okulaja abseits des Spielfeldes zurückhaltend gibt. „Nowitzki führt durch sein Beispiel auf dem Spielfeld“, sagt Bundestrainer Dirk Bauermann, „aber Okulaja macht den Mund auf.“ Zumindest verbal ist er die Führungspersönlichkeit in Bauermanns Team.

Auch auf dem Spielfeld hilft der gebürtige Berliner, wenngleich beim Supercup noch nicht so wie gewohnt. Gegen Italien traf er nur 38 Prozent seiner Würfe und erzielte neun Punkte. „Er übertreibt momentan noch ein bisschen das Einzelspiel“, sagt Bundestrainer Bauermann, „trotzdem ist die Mannschaft mit ihm stärker als im letzten Jahr.“ Damals hatte Okulaja bei der Europameisterschaft knieverletzt gefehlt, doch das Team holte auch ohne ihren Kapitän überraschend die Silbermedaille. Kotrainer Chris Welp führt diesen Erfolg auf einen besonderen Teamgeist zurück, der sich im Turnierverlauf entwickelt hatte. „So etwas lässt sich nicht noch einmal machen“, glaubt Welp. Er ist daher froh, bei der Weltmeisterschaft in Japan vom 19. August bis 3. September wieder auf Okulaja zurückgreifen zu können. „Er ist ein Spieler, der die Mannschaft zusammenrücken lässt, so einer ist Gold wert.“

In der Öffentlichkeit fällt sein Sonderstatus nicht so oft auf, meistens steht Dirk Nowitzki im Mittelpunkt. Ohne den NBA-Star wäre Okulajas Bekanntheit sicher höher, dann wäre er Deutschlands bester Basketballer. Doch es hilft ihm auch, wenn Nowitzki auf dem Spielfeld die meiste Last trägt. „Dadurch kann er lockerer spielen“, sagt Bauermann.

Okulajas Anwesenheit wiederum gibt auch Nowitzki mehr Möglichkeiten. „Er schafft Raum für Dirk Nowitzki“, erklärt Mithat Demirel. Bei der EM in Serbien hatte die deutsche Offensive allein aus Nowitzki bestanden, das hatte es für die Verteidiger etwas einfacher gemacht. Nun müssen sie sich auch auf Okulaja einstellen. „Er ist unsere zweite Waffe“, sagt Bauermann. Nowitzki konnte aber aufgrund seines Trainingsrückstandes die neuen Räume noch nicht nutzen, gegen Italien erzielte der NBA-Star nur elf Punkte.

Ademola Okulaja besitzt neben Patrick Femerling die größte Erfahrung. Jahrelang hat er in Spanien in der stärksten Liga Europas gespielt. Seit Januar läuft er für den Moskauer Vorortklub BC Chimki auf. In der russischen Liga werden die höchsten Gehälter Europas gezahlt, der Europaligasieger ZSKA Moskau besitzt einen Etat von 20 Millionen Euro. „Ich habe meinen Vertrag schon um ein Jahr verlängert“, sagt Okulaja grinsend. Ein Chauffeur, der ihn ins Training fährt, zählt zu den Moskauer Annehmlichkeiten. Da nimmt er gerne in Kauf, dass er durchschnittlich nur zehn bis 15 Minuten spielt, da es in Russland eine ungewöhnliche Regel gibt. Es müssen stets mindestens zwei Russen auf dem Spielfeld stehen. Das begrenzt die Einsatzzeit der Ausländer.

Lieber als in Russland würde Okulaja in der NBA spielen. Er ist in der aktuellen deutschen Mannschaft neben Nowitzki der Einzige, der auch die Voraussetzungen dafür hätte. Dreimal hat er es versucht, zuletzt bei den Philadelphia 76ers. „Er ist um Haaresbreite gescheitert“, sagt Bauermann. „Vielleicht ist er für die NBA einfach drei, vier Zentimeter zu klein“, sagt der ehemalige NBA-Spieler Chris Welp. Inzwischen hat sich der 2,04 Meter große Flügelspieler damit abgefunden, seinen Traum nicht verwirklichen zu können. „Das Kapitel NBA ist für mich abgeschlossen“, sagt Okulaja. Bauermann kann das nur gutheißen. „Es gibt viele, die ihrem Traum zu lange nachhängen.“

Okulaja konzentriert sich nun auf seinen Job im Nationalteam. Wie der aussieht, war beim Test gegen Kanada in Hamburg zu beobachten. Nach einer strittigen Entscheidung nahm er seinen Mundschutz raus und schimpfte, bis er ein technisches Foul kassierte. „Manchmal muss ich eben auch die Schiedsrichter anschreien“, sagt Okulaja. Schimpfen zählt wohl auch zu den Aufgaben eines Chefs.

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