Sport : Der kleine Großmeister im Schach Magnus Carlsen ist mit

15 Jahren WM-Kandidat

Martin Breutigam

Berlin - Sein Trainer hält ihn für einen Wunderjungen, die „Washington Post“ hat ihn zum Mozart des Schachs erkoren. Doch dem Magnus Carlsen scheinen solche Worte nicht zu Kopf zu steigen. „In der Schule verhalte ich mich wie alle anderen Teenager auch“, sagt er. Manchmal aber geht er wochenlang nicht zur Schule, denn eines unterscheidet den jüngst 15 Jahre alt gewordenen Norweger doch von den anderen: Carlsen trägt seit eineinhalb Jahren den Titel eines Großmeisters im Schach, seit Mittwoch ist er auch der jüngste WM-Kandidat aller Zeiten. Beim Weltcup im westsibirischen Chanty-Mansijsk hat er sich neben neun anderen Spielern für die vom Weltschachbund Fide wieder eingeführten Kandidatenkämpfe qualifiziert. Er erhält damit die Chance, sich für das WM-Turnier zu qualifizieren.

Vor drei Wochen war Carlsen in Sibirien angekommen. Er galt als Außenseiter, unter 128 Teilnehmern war er bloß auf Platz 97 gesetzt. Seinen langjährigen Schachlehrer Simen Agdestein überrascht der Erfolg indes kaum. „Magnus hat sich seit dem Sommer wieder enorm verbessert.“ Agdestein, selber ein Großmeister und Anfang der Neunzigerjahre auch Fußballnationalspieler, unterrichtet am Toppidrettsgymnas in Oslo, Norwegens College für Topathleten. Er war Carlsen zum ersten Mal im Jahr 2000 begegnet. Und sofort beeindruckt von dem Jungen aus Lommedalen bei Oslo.

Schon mit fünf Jahren soll Carlsen alle Länder der Erde mit den jeweiligen Hauptstädten, Bevölkerungszahlen und Flaggen auswendig gekannt haben. Im gleichen Alter brachte ihm sein Vater die Schachregeln bei. Der konnte ihn aber zunächst nicht begeistern für die Holzfiguren. Fußball und Skifahren machten Magnus mehr Spaß. Erst mit acht Jahren entwickelte sich seine Leidenschaft für Schach. Aus Büchern spielte er sämtliche Partien in Gedanken nach. Bald schlug er Meister, Großmeister und Anfang 2004 beinahe den Allergrößten: Bei einem Schnellturnier in Reykjavík forderte Carlsen sogar Garry Kasparow heraus. Nur mit Mühe konnte dieser sich in ein Remis retten. „Ich habe wie ein Kind gespielt“, ärgerte sich Carlsen, damals 13 Jahre alt, nachdem ihm Kasparow in einer zweiten Partie keine Chance gelassen hatte.

Carlsen sagt, er habe noch nie darüber nachgedacht, ob er eines Tages Weltmeister werden könnte. Für solche Gedanken sei es auch zu früh, meint Agdestein. „Sein Talent ist gewaltig, aber es braucht noch mehr, um den Gipfel zu erreichen.“ Carlsen verfüge über enorme Kreativität und Energien. Seine Intuition sei fabelhaft, manchmal aber vertraue er ihr vielleicht zu sehr. „Er könnte noch etwas präziser werden“, sagt Agdestein. Außerdem sei die Art, wie Carlsen mitunter trainiere, mit Arbeit nur unzutreffend beschrieben. „Er will immer Spaß haben und guckt sich die Dinge eher nach Lust und Laune an.“

In seinen bislang 22 Partien in Chanty-Mansijsk offenbarte er auch Nervenstärke. Heute spielt er gegen den früheren WM-Zweiten Gata Kamsky um Platz neun. Obwohl schon WM-Kandidat, hat er sich auch auf diesen letzten Kampf intensiv vorbereitet. Allmählich scheint er auch an harter Arbeit Gefallen zu finden. Seinen 15. Geburtstag, den er zu Beginn des Weltcupturniers erlebte, will Carlsen in Lommedalen nachfeiern.

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