Sport : Der kleine Unterschied

Nur zehn deutsche Leichtathleten bei Hallen-WM – Lobinger siegt

Jörg Wenig

Birmingham. Von einem kleinen, aber feinen Team sprechen die Funktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Gemeint ist die Mini-Mannschaft, die an diesem Wochenende in Birmingham bei den Hallen-Weltmeisterschaften dabei ist. Wenn es darum geht, die Teams zu definieren, die bei den winterlichen Saisonhöhepunkten an den Start gehen, gleicht sich die Beschreibung schon seit einigen Jahren. Das Problem dabei ist allerdings die Tendenz: Die Mannschaften werden immer kleiner. In Birmingham erreichen die deutschen Leichtathleten nicht einmal mehr die Stärke einer Fußballmannschaft. Auf zehn Athleten ist die DLV-Vertretung geschrumpft – ein nationaler Rekord. Noch nie reisten so wenige deutsche Leichtathleten zu einer WM. Den Erfolg muss das nicht unbedingt verhindern, wie die Stabhochspringer am Samstagabend bewiesen. Das Duo Tim Lobinger aus Köln und Michael Stolle aus Leverkusen feierte einen Doppelerfolg. Lobinger siegte mit 5,80 m vor Stolle und Rens Blom (Niederlande/beide 5,75 m). Und Astrid Kumbernuss holte mit der deutschen Jahresbestleistung von 19,86 m Bronze im Kugelstoßen.

Und sonst? Grit Breuer (Magdeburg), die am Samstag als Siegerin des Halbfinals in den Endlauf einzog, ist als einzige Athletin über 400 m dabei, kein einziger Läufer steht im DLV-Team. Eine Reihe von Athleten haben dabei von vornherein auf die Hallen-Titelkämpfe beziehungsweise sogar auf die komplette Hallensaison verzichtet, um sich besser auf die Weltmeisterschaften im August in Paris vorbereiten zu können. Darunter sind der 400-m-Europameister Ingo Schultz (Hamburg) oder Weitspringerin Heike Drechsler (Karlsruhe). Dem 800-m-Olympiasieger Nils Schumann (Erfurt) fehlt die Form, sein nationaler Bezwinger bei den deutschen Hallenmeisterschaften, René Herms (Pirna), macht das Abitur. „Die Entscheidungen, hier nicht teilzunehmen, sind alle nachvollziehbar", sagt DLV-Präsident Clemens Prokop und fügt hinzu: „Ich wäre bei entsprechendem Qualitätsangebot auch lieber mit 30 Athleten nach Birmingham gefahren. Es ist bedauerlich, dass das Team nicht größer ist, aber man sollte es in erster Linie an seiner Leistungsfähigkeit messen.“

Der DLV hat das Team aber auch bewusst klein gehalten, indem er anspruchsvolle Qualifikationsnormen angesetzt hatte. „Wir haben einen hohen Leistungsanspruch und sind eher für strenge Normen. Wir würden den Athleten keinen Gefallen tun, wenn wir sie nominierten und sie dann gleich in den Vorkämpfen ausscheiden“, sagt der für den Spitzensport zuständige DLV-Vizepräsident Rüdiger Nickel. Manchmal hat man den Eindruck, als würde der Verband noch immer unter dem Göteborg-Symptom leiden. Bei der WM 1995 sah sich der DLV besonders hämischer Kommentare ausgesetzt, weil das riesige Team mit über 100 Athleten in etlichen Disziplinen mit Abstand hinter dem Niveau der Konkurrenz lag.

Der Kredit, den die deutsche Leichtathletik mit den Europameisterschaften in München im vergangenen August gewonnen hat, könnte schnell verspielt sein. Und das kann sich die um eine der olympischen Kernsportart angemessene Anerkennung kämpfende Leichtathletik in Deutschland eigentlich nicht leisten. Das sieht auch Tim Lobinger so. Der Sieger des Abends sagt: „Zu viele Athleten schonen sich jedes Jahr für andere Höhepunkte – da ist mir zu wenig Wille und Risikobereitschaft vorhanden.“

Unerwünschte Nebenwirkungen befürchtet Clemens Prokop angesichts des Mini-Teams und der geringeren Beachtung in der Öffentlichkeit aber nicht und sagt: „Von der Sponsorenseite sind deswegen keine Schwierigkeiten zu befürchten. Es ist klar, dass der Maßstab in diesem Jahr die WM in Paris sein wird, nicht die Hallen-WM in Birmingham.“

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