Sport : Der Kniefall

Im Streit um Deislers Verletzung will der DFB Entschädigung zahlen – und einen Präzedenzfall vermeiden

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Von Michael Rosentritt

Berlin. Jene 18. Spielminute an jenem 18. Mai wird Sebastian Deisler nicht vergessen. Bei einem Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft prallte der Mittelfeldspieler mit dem Österreicher Rudolf Landerl folgenschwer zusammen. Dabei war die rechte Kniescheibe verrutscht, die erst im vorangegangenen Oktober bei einer Operation fixiert worden war. Seit Mai 2002 hat Deisler nicht mehr Fußball gespielt. Das wird der 22-Jährige frühestens im Januar wieder können. Wenn überhaupt. Der Arbeitgeber des Fußballers, der FC Bayern München, fordert jetzt eine Entschädigung vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Das eigentliche Problem ist aber ein anderes. Sollte nämlich ein Präzedenzfall geschaffen werden, kann die Sache mit dem kaputten Knie für den größten Sportverband der Welt richtig schmerzhaft werden.

Die Bayern fordern eine Entschädigung für ihren Spieler, da er sich „eine schwerwiegende Verletzung im Dienste der Nationalmannschaft zugezogen hat“, sagt Markus Hörwick, Pressechef des FC Bayern. Nun ist es aber so, dass Deisler, der im Juli für 9,2 Millionen Euro von Hertha nach München gewechselt ist, nicht gerade wenig verdient. Das Gehalt des Spielers für sechs Monate (geschätzte zwei Millionen Euro) wird der DFB nie und nimmer übernehmen. Am Mittwoch werden sich die Parteien in der DFB-Zentrale in Frankfurt gegenübersitzen. Karl-Heinz Rummenigge für die Bayern, Gerhard Mayer-Vorfelder als Präsident des DFB.

Markus Hörwick machte am Montag noch einmal den Standpunkt der Bayern deutlich. Die Abstellgebühr, die der DFB für einen Nationalspieler an dessen Arbeitgeber überweist, habe eher symbolischen Wert. Für jedes entgangene Pflichtspiel überweist die Versicherung des DFB 7500 Euro an den Verein. Das wären im Fall Deisler für die komplette Bundesliga-Vorrunde 127 500 Euro. Inklusive Champions League und DFB-Pokal kämen maximal etwa 220 000 Euro zusammen. „Das Problem ist umfassender“, sagt Hörwick. Der FC Bayern stellte elf Spieler zur Fußball-WM in Asien ab. „In diesen sechs Wochen haben wir die Gehälter der Spieler bezahlt, die nationalen Verbände nur die Abstellgebühr. So kann es nicht weiter gehen. Der Fall Deisler ist nur der Auslöser.“

Vor allem stellt sich die Frage, wie der DFB in einem solchen Fall versichert ist. Für die ersten sechs Wochen nach der Verletzung greift die Lohnfortzahlung für den Spieler durch dessen Verein. Wird ein Spieler sogar Sportinvalide, erhält der Verein rund 750 000 Euro, der Spieler selbst 250 000. Was in den meisten Fällen nicht annähernd dem Marktwert der Spieler entspricht. Angeblich macht der Rekordmeister einen Schaden im siebenstelligen Bereich geltend. Bayerns Manager Uli Hoeneß hatte noch im Mai gesagt: „Ich bin der Meinung, dass wir eine Lösung finden müssen. Wir sind ja nicht der Zahlmeister.“

Der DFB könnte darauf verweisen, dass der Spieler Deisler zum Zeitpunkt der Verletzung bei Hertha BSC unter Vertrag stand. Und in Frage stellen, inwiefern die Verletzung, die sich Deisler gegen Österreich zuzog, nicht eine Folgeverletzung war. Für Hertha bestritt Deisler in der vergangenen Saison verletzungsbedingt nur elf Bundesligaspiele. Ist also für die Schwere der jüngsten Verletzung der DFB ursächlich haftbar? „Natürlich hätten wir mit Berlin einen Streit anstrengen können, weil wir viel Geld für einen gesunden Spieler ausgegeben haben“, sagt Hörwick. „Wir wollten den Spieler haben und fühlen uns für ihn verantwortlich. Wir sind nicht auf Konfrontation aus.“

Mayer-Vorfelder übrigens auch nicht. „Die Rechtsgrundlagen sind eindeutig. Aber wir setzen uns mal in Ruhe zusammen und reden miteinander. Man darf nicht vergessen, dass die Liga und die Bayern viel für den DFB getan haben. Vielleicht ist da eine Annäherung möglich, ohne einen Präzedenzfall zu schaffen.“ Es sieht so aus, als wolle sich der DFB auf eine Zahlung einlassen – ausnahmsweise. Denn einen Präzendenzfall kann der Verband nicht brauchen. Ein solcher Fall könnte unbequeme Fragen aufwerfen. Etwa die: Inwiefern kann der DFB einfach so auf einen Arbeitnehmer zugreifen, der woanders unter Vertrag steht? Und: Sind die geltenden Abstellgebühren sowie die Ausfallzahlung bei den finanziellen Dimensionen, die mittlerweile im Fußball erreicht sind, noch zeitgemäß beziehungsweise adäquat zu den Einnahmen? Der DFB streicht für ein Länderspiel bis zu fünf Millionen Euro ein.

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