Sport : Der König taugt nur für die Provinz

Detlef Dresslein

Bei München 1860 erfährt der Spielmacher wieder die Verehrung, die ihm in Dortmund so gefehlt hatDetlef Dresslein

Vor anderthalb Jahren versprach der Präsident des Fußballklubs dem Umworbenen etwas Außergewöhnliches. "Wenn der Thomas Häßler zu uns kommt, dann werden wir die Autobahn nach München blau-weiß anmalen", sagte Karl-Heinz Wildmoser, der Vorsitzende des TSV München 1860, und er gab damit einen metaphorischen Vorgeschmack auf die Verehrung, die Häßler nun doch noch in der bayerischen Kapitale genießt. Denn damals hatte er nicht auf das präsidiale Lockangebot reagiert, hatte sich für die andere Straße entschieden. Die führte nach Dortmund und war vor allem mit Geld geteert.

Ein Jahr später wurde vollzogen, was schon damals das Beste für alle gewesen wäre. Die Autobahnmeisterei musste keine Überstunden machen, denn jetzt war keine Überzeugungsarbeit mehr nötig. Bei Borussia Dortmund durfte Thomas Häßler so gut wie nie mitspielen, und als weitere Stufen der Demütigung musste der 97fache Nationalspieler und Weltmeister Wasserkästen schleppen oder sich ein halbes Spiel lang warm laufen. Werner Lorant, der Trainer der Münchner Löwen, gewährte ihm dagegen schon vorab absolute Freiheit. Das tut er sonst nie. Lorant ist bekannt dafür, eher mal eine halbe Mannschaft auszutauschen, als einen Nanometer von seinen Prinzipien abzurücken. Doch Häßler ist nicht ersetzbar, so etwas fehlte auch Lorant. Somit war der Wechsel Formsache.

Im Mittelfeld der Löwen besetzt er nun eine Planstelle, die schon langsam Spinnweben ansetzte. Heute (Spielbeginn 20 Uhr) kickt er mit den "Löwen" erstmals in seiner Heimatstadt Berlin. Bei Hertha BSC, dem Verein, der ihn 1998 auch ganz gerne verpflichtet hätte.

In München wurde Häßler sofort zum "König der Löwen" gekürt. Er führt uneingeschränkt Regie und ist zuständig für alle Elfmeter, Freistöße und Eckbälle. Fast ausnahmslos. Ideal für ihn ist auch Lorants System. Nichts Modernes eben: vor Thomas Häßler zwei Spitzen, neben ihm zwei flinke Flügel und hinter ihm einer, der stellvertretend für ihn den Defensivboden umpflügt. So braucht er das.

Vom ersten Trainingstag an wurde Häßler bei 1860 als Heilsbringer gesehen. Er sah sich geschmeichelt, wehrte brav zu hohes Lob ab und fand sich sofort in seine Rolle, als hätte es Dortmund nie gegeben. Das Trikot mit der Nummer zehn brach umgehend alle Verkaufsrekorde im Fan-Shop. Allerdings ist die Liebe der Löwen zu ihrem Icke noch nicht vollständig. Noch bewundern sie ihn vor allem, und was man verehrt, kann man nicht lieben. Löwen-Fans identifizieren sich mit Gleichwertigen, sie entstammen dem einfachen Milieu und mussten sich über Jahrzehnte klein machen, hinter den ewig großen und immer siegenden Bayern. Da fällt es leichter, mit vierschrötigen Abwehrkämpen oder unermüdlichen Rennern zu sympathisieren, wie es einst Thomas Miller oder Manfred Schwabl waren.

Aber beim TSV 1860 erfährt der sensible Thomas Häßler endlich wieder Verehrung, wie er sie auch schon in Karlsruhe hatte. Häßler ist der König in der Provinz, und zwar nur dort. Nie wurde ihm das so deutlich gemacht wie in der direkt aufeinanderfolgenden Antithese Dortmund-1860.

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