Sport : Der Konzern hilft

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Helmut Schümann über die soziale Verantwortung des FC Bayern München

Hat er nicht alles? Geld, Ruhm, Ehre, Talente schon in der Wiege geschenkt bekommen? Anfang des nächsten Jahres wird er Vater. Es müsste ihm gut gehen. Er sitzt im Loch. Im tiefen, dunklen Loch oder wie immer man die Krankheit Depression bildlich umschreiben will. Sebastian Deisler geht es nicht gut, es geht ihm mutmaßlich verdammt dreckig, und er wird nicht einmal wissen, warum. Die Krankheit ist tückisch. Jeder zehnte Deutsche leidet darunter, hat einer seiner behandelnden Ärzte gesagt, und tückisch ist sie auch deshalb, weil sie oft nicht wirklich ernst genommen wird. „Stell dich nicht so an“, „Reiß dich zusammen“ sind immer noch Sätze, die diejenigen zu hören bekommen, die die Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit packt. Es gibt einen bekannten deutschen Fußballtrainer, der auf einen erheblichen Karrieresprung verzichtete, weil seine Ehefrau von dieser Krankheit gequält wird. Er hat wahrscheinlich gut daran getan, diesen Umstand zu verschweigen, das Verständnis in dieser karriereorientierten Fußballwelt hätte sich mutmaßlich in Grenzen gehalten.

Vor wenigen Monaten hat sich der Hannoveraner Fußballspieler Jan Simak mit ähnlichen Symptomen wie Sebastian Deisler aus der Sonne eines Profidaseins zurückgezogen – und es hat einige Zeit gedauert, bis ihm seine Krankheit geglaubt wurde und nicht mehr Faulheit oder andere Absichten unterstellt wurden. „Reiß dich zusammen“, „Stell dich nicht so an!“ Es ist weitgehend im Dunkeln, wo und wie sich Simak kuriert, ob ihm inzwischen Hilfe vom Arbeitgeber Hannover 96 zuteil wird ebenso. Als Simak noch bei Bayer Leverkusen unter Vertrag stand, bezeichnete ihn sein Trainer Klaus Toppmöller mal als „Pflegefall“ – es war nicht fürsorglich gemeint, sondern abfällig.

Sebastian Deisler hat mehr Glück. Deisler ist beim FC Bayern München angestellt. Ob man den erfolgsorientierten Fußballkonzern und seine leitenden Herren mag oder nicht, einen Mangel an sozialer Verantwortung kann man ihnen nicht vorwerfen. Es hat manche Jahre gedauert, bis öffentlich wurde, dass der FC Bayern hilft, wenn es nötig ist, insofern ist kalkulierte und imagefördernde Hilfsbereitschaft auszuschließen. Gerd Müller war so ein Fall. Gerd Müller, der nichts mehr hatte außer der Erinnerung an seine Zeit als Bomber der Nation und dieser Erinnerung mit zu viel Wein auf die Sprünge half. Der Verein blockte die Öffentlichkeit ab, konsultierte Ärzte – heute steht Müller voller Lebensfreude am Spielfeldrand. Man könnte eine lange Liste erstellen. Sie endet nun vorerst bei Deisler, dem Profi, der dem Klub wegen vieler Verletzungen noch wenig hat geben können.

Die Fürsorge des Vereins wird ihn im Moment nicht aufhellen. Aber sie wird ihm helfen.

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