Sport : Der Krise davonrasen

Vettel gewinnt das Qualifying in Valencia mit einem neuen System und hofft auf den zweiten Saisonsieg

Karin Sturm[Valencia]
Unter Druck. Sebastian Vettel benötigt dringend einen Sieg, schließlich will er mit seinem Red Bull Formel-1-Weltmeister werden. Foto: dpa
Unter Druck. Sebastian Vettel benötigt dringend einen Sieg, schließlich will er mit seinem Red Bull Formel-1-Weltmeister werden....Foto: AFP

Er weiß, dass er eigentlich schon längst in der Gesamtwertung der Formel-1-Weltmeisterschaft führen müsste, aber Sebastian Vettel liegt derzeit nur auf Rang fünf, mit 19 Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Lewis Hamilton. Dabei hatte Vettel mit dem Red Bull in den meisten der bisher acht Saisonrennen das schnellste Auto und ist unter normalen Umständen auch einen Tick schneller als sein Teamkollege Mark Webber. Aber bisher hat Red Bull nur dreimal gewonnen und Vettel sogar nur einmal, in Malaysia. Wie der Deutsche heute beim Großen Preis von Europa in Valencia abschneiden wird (14 Uhr, live bei RTL und Sky) ist die spannende Frage. Auf jeden Fall ist der Deutsche gestern im Qualifying auf die Pole Position gerast. Auf Platz zwei landete sein Teamkollege Mark Webber.

Das Experiment hat sich also gelohnt. In Valencia hat Red Bull den sogenannten F-Kanal auch im Qualifying eingesetzt, auch heute im Rennen bleibt er im Auto. Der Kanal steigert angeblich auf Geraden die Spitzengeschwindigkeit des Autos um zehn Stundenkilometer. Das Team hatte das Teil schon einmal im Training in der Türkei ausprobiert, nach dem freien Training aber wieder ausgebaut. „Es ist kein Geheimnis, dass er dort nicht so gut funktioniert hat, wie wir es erwartet hatten“, sagt Vettel. „Aber hier geht es schon besser. Das ist ein sehr komplexes System, das braucht Zeit.“ Dennoch sei es richtig, den F-Kanal weiter zu entwickeln. „Ich kenne kein anderes Teil, das so sicher eine halbe Sekunde bringt, wenn es richtig funktioniert.“

Sie müssen mit dem Kanal arbeiten, der Druck ist zu groß. „Wir wollen Weltmeister werden“, sagt Vettel. Sein Rückstand auf Hamilton beeindruckt ihn nicht. Durch das neue Punktesystem sei viel möglich. „Mark Webber und Lewis Hamilton waren beide etwas zurück, dann haben sie jeweils zwei Rennen gewonnen und plötzlich geführt“, sagt er.

Weshalb aber fährt Vettel so unbefriedigend? Aus zwei Gründen. Zum einen hat er viel Pech mit Defekten. Die Mängelbilanz mit Defekten, Strategiepannen und Kollisionen bereitet ihm offiziell jedenfalls noch keine Sorgen. „Solange man alles gibt, muss man sich keine Vorwürfe machen, wenn etwas nicht klappt.“ In Kanada ging zwar nichts klassisch schief, aber mehr als Platz vier hatte er sich schon ausgerechnet. Im Rennen sei die Strategie falsch gewesen. „Die anderen sind nicht, wie wir gedacht hatten, im Verkehr hängen geblieben.“

Ärgerlich für ihn sind auch die vielen technischen Defekte zu Saisonbeginn. Auch wenn Red-Bull-Teamchef Christian Horner betont, dass dies keine grundsätzlichen Probleme seien. „Wir hatten keinen Fehler zweimal. Wir hatten nur unglaubliches Pech, und das hat vor allem Sebastian getroffen.“

Das Mitgefühl freilich hilft dem Heppenheimer im Endeffekt nicht viel. Auch Horners nächster Hinweis nützt ihm wenig. Horner sagte, dass für einige Probleme nicht Red Bull als Team, sondern Zulieferer die Verantwortung trügen. Zum Beispiel als in Bahrain eine Zündkerze kaputtgegangen war. Aber in anderen Punkten können Vettel und Horner die Probleme nicht einfach abschieben. An denen ist das Team schuld. Sie sind zweite Grund für Vettels unbefriedigende Leistung.

Die Kollision des Deutschen mit Webber war vollkommen unnötig. Und das Krisenmanagement des Teams miserabel. Red Bull leugnete schlichtweg eine bedeutsame Information, möglicherweise auch deshalb, weil das Team durch die Medien unter Druck stand und um sein Image fürchtete. Webbers Renningenieur hatte an seinen Piloten die Anweisung nicht weitergeben, Vettel überholen zu lassen. Der Deutsche ging davon aus, dass Webber entsprechend gebrieft war. War er aber nicht, das Ergebnis ist bekannt. Red Bull aber gab die interne Kommunikationspanne nicht zu, sondern ließ Vettel ins offene, mediale Messer laufen. Der stand nun als Bruchpilot da. Und aus Gründen der Teamraison durfte er die Wahrheit nicht mal sagen.

Er hat das Thema abgehakt, er schaut nach vorne. Heute startet er von der besten Position. Eine bessere Chance für seinen zweiten Saisonsieg gibt es nicht.

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