Sport : Der Kronzeuge

Der Radstar Ivan Basso gesteht Doping und will mit den Behörden kooperieren

Vincenzo delle Donne[Mailand],Mathias Klappen

Ivan Basso hat die Flucht nach vorne angetreten. Der 29 Jahre alte Sieger des Giro d’Italia 2006 zeigt sich reumütig und gibt nicht nur zu, mit Hilfe des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes gedopt zu haben. Basso hat zudem ein umfangreiches Geständnis angekündigt, dass die Dopingpraktiken vieler Rennprofis an den Tag bringen könnte. Er wolle helfen, die Dopingpraktiken in der so genannten „Operacion Puerto“ offen zu legen, sagte Basso gestern dem römischen Anti-Doping-Ermittler Ettore Torri. „Ivan Basso hat seine umfangreiche Schuld in der ’Operacion Puerto’ eingestanden“, hieß es in einem Kommuniqué des Nationalen Olympischen Komitees Italiens (Coni). Und weiter: „Er hat seine Bereitschaft angekündigt, das Größtmögliche zu tun, um zur Aufklärung der Umstände seiner Beteiligung beizutragen.“ Es ist das erste Mal, dass sich ein Star des Radsports dazu bereit erklärt, umfangreich mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Bislang umgab eine Mauer des Schweigens die Dopingpraktiken.

Die Beweislast war für Basso indes zu erdrückend, um sich weiterhin für unschuldig zu erklären. Beim spanischen Arzt Fuentes hatte die Guardia Civil etliche Blutkonserven gefunden, die dem ominösen Fahrer „Birillo“ zugeordnet wurden. Dieser Deckname wurde inzwischen eindeutig Basso zugewiesen. Sein Hund heißt so. Außerdem werden auch Zahlungsbelege in Höhe von 35 000 Euro sowie Kalender-Einträge und SMS Basso zugerechnet. Das überraschende Umdenken erfolgte offenbar auf Anraten von Bassos Anwalt Massimo Martelli, der das belastende Material hatte einsehen können. „Ivan konnte die psychische Belastung, die sich daraus ergab nicht mehr ertragen und hat beschlossen, mit der Justiz zusammenzuarbeiten“, sagte der Anwalt dem italienischen Staatsfernsehen RAI.

Basso rechnet damit, dass er bei der Bemessung der Strafe mildernde Umstände erhält. Die Rede ist von einem Jahr Sperre und von den zwei weiteren Jahren, in denen ein Profi nach einer Dopingsperre nicht für ein Team der Pro Tour fahren darf. Der Präsident des Weltverbandes UCI, Pat McQuaid, sagte aber: „Zwei Jahre sind zwei Jahre. Das sind die Regeln der Welt-Antidoping- Agentur für ein Erstvergehen.“ Es gebe keinen Spielraum.

Bassos Hoffnung könnte daher eher eine andere sein, da gegen ihn auch strafrechtlich ermittelt wird. Die Staatsanwaltschaft hatte signalisiert, dass sie im Gegenzug für ein Geständnis zu einer Strafminderung bereit wäre. Basso droht theoretisch eine mehrjährige Haftstrafe. Noch im Oktober war Basso von derselben Coni-Antidoping-Kommission vorläufig frei gesprochen worden, weil seine Schuld aufgrund der vorliegenden Indizien nicht zu beweisen war.

Sein überraschendes Geständnis wurde vom Teamchef des deutschen T-Mobile-Teams, Rolf Aldag, begrüßt. Bassos Beispiel könne „Schule machen und vielleicht Vorbild für andere Verdächtige sein“, sagte Aldag der Deutschen Presse-Agentur und meinte damit wohl den früheren T-Mobile-Fahrer Jan Ullrich. Der leugnet weiterhin Doping und die Zusammenarbeit mit Fuentes, obwohl sichergestellte Blutbeutel mit Ullrichs DNS übereinstimmen.

Ullrich ist zurückgetreten, und auch Ivan Basso hatte in der vergangenen Woche seinen Vertrag mit dem amerikanischen Rennstall Discovery Channel aufgelöst, für den er seit Beginn 2007 fuhr. Der italienische Radsportverband stellte sich unterdessen demonstrativ hinter Basso. Präsident Renato Di Rocco richtete einen Appell an die Öffentlichkeit. „Ivan hat genau das getan, was alle von Marco Pantani verlangten“, sagte Di Rocco, „nämlich mit der Sportjustiz zusammenzuarbeiten. Deshalb fordere ich euch im Namen des Radsports auf, Ivan Basso nicht alleine zu lassen.“ Der Italiener Marco Pantani war 1999 wegen Dopingverdachts vom Giro d’Italia ausgeschlossen worden, er litt an Depressionen. 2004 starb er an einer Überdosis Kokain.

Neben Pantanis Landsmann Basso gibt es derzeit noch mehr als 100 weitere verdächtigte Fahrer. Zu ihnen zählt nach einem Bericht der italienischen Zeitung „La Gazetta dello Sport“ auch der spanische Star Alejandro Valverde. Seine Codenamen sollen sich anhand jetzt bekannt gewordener Listen des Doktor Fuentes sichergestellten Blutbeuteln zuordnen lassen. Ein Deckname lautet „valv. piti.“. Piti heißt Valverdes Hund.

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