Sport : Der lachende Erste

Michael Schumacher gewinnt in Schanghai und übernimmt erstmals die Führung in der WM-Wertung

Karin Sturm[Schanghai]

Der Mann im roten Overall, der normalerweise in der Öffentlichkeit emotionsarm auftritt, sagte: „Ich bin komplett aus dem Häuschen. Es ist ein Wunder.“ Und dann lachte Michael Schumacher, er lachte so breit, wie man das von ihm nur selten gesehen hat. Aber diesmal war auch vieles anders als sonst. Der siebenmalige Formel-1-Weltmeister hatte den Großen Preis von China in Schanghai gewonnen, vor seinem größten Rivalen Fernando Alonso (Spanien) und dessen Teamkollegen Giancarlo Fisichella (Italien). Mit diesem Sieg hatte er nicht bloß sein stärkstes Rennen seit langem gezeigt und hat nicht nur erstmals in der Saison die Führung in der WM-Wertung übernommen, Schumacher hat jetzt vor allem die große Chance, zum achten Mal Weltmeister zu werden. Das wäre sein größter Triumph zum Abschied seiner langen Karriere. Am Saisonende tritt er zurück.

Mit 116 Zählern liegt Schumacher zwar punktgleich mit Alonso auf Rang eins in der WM-Wertung, doch durch einen Saisonsieg mehr als der Spanier hat er einen möglicherweise entscheidenden Vorteil. Sollte Schumacher nämlich in einer Woche in Suzuka gewinnen und Alonso ohne Punkte ausgehen, hätte der Deutsche seinen achten WM-Titel.

Im Qualifying hatte Schumacher wegen des Regens nur auf dem sechsten Platz gelegen. „Der Regen war nicht gut für uns“, sagte er. „Doch als beim Rennen die Strecke dann trocknete, haben die Reifen angefangen, gut zu arbeiten. Das war letztlich der entscheidende Punkt.“ Schumacher sagte allerdings bei aller berechtigten Begeisterung auch noch: „Natürlich haben wir heute auch von gewissen Fehlern bei Fernando profitiert.“

Denn Alonso hatte in der Anfangsphase schon wie der sichere Sieger ausgesehen. Doch nach seinem zweiten Platz hatte er Mühe, sich seine Enttäuschung nicht zu sehr anmerken zu lassen: „Wir hatten einen guten Start, die ersten 15, 20 Runden waren gut. Dann haben wir uns aber entschieden, beim ersten Stopp die Reifen vorne zu wechseln, weil sie schon ziemlich abgefahren waren. Das war wohl nicht die richtige Entscheidung.“ Kann man so sagen, denn Fisichella und Schumacher haben die Reifen nicht gewechselt. „Sie waren deutlich schneller“, sagte Alonso. „Wir haben dann mit dem frühen Wechsel auf Trockenreifen auf Risiko gesetzt und gehofft, dass noch ein Wunder passiert. Aber es war zu spät.“

Renault-Technikchef Pat Symonds suchte denn auch keine Ausreden: „Diese Niederlage haben wir einzig und allein uns selbst zuzuschreiben.“ Und auch Motorenchef Denis Chevrier war ziemlich am Boden zerstört: „Wir haben eine riesengroße Chance verpasst. Platz eins und zwei in der Startaufstellung, Platz eins und zwei nach ein paar Runden, wir hatten alles in der Hand.“ Am Anfang fuhren Alonso und Fisichella mit ihren Michelin-Reifen, die bei Regen den Bridgestone-Reifen der Ferrari überlegen waren, auf und davon. Doch dann lief in der Regie etwas schief. Chevrier: „Dann kam die falsche Reifenentscheidung bei Fernando, die wir mit Michelin getroffen haben und ein verpatzter Boxenstopp, der mit zehn Sekunden bestraft wurde – das war’s. Wir dachten, wir würden mit den neuen Vorderreifen vielleicht drei oder vier Runden lang ein paar Probleme haben.“ Die nahm Renault angesichts des Vorsprungs auf Schumacher in Kauf (siehe auch nebenstehenden Bericht). Doch dann trocknete die Strecke.

Dass dann auch noch Fisichella nach seinem zweiten Stopp und dem Wechsel auf Trockenreifen einen kleinen Fehler machte, der es Schumacher erlaubte, die Spitze zu übernehmen, war die endgültige Entscheidung. Schumacher konnte sich nachher ein Grinsen nicht verkneifen: „Ehrlich gesagt, hatte ich ein bisschen damit gerechnet. Als ich selber mit Trockenreifen zurück auf die Strecke gegangen war, da war es auch sehr schwierig, die Linie zu halten. Aber ich war sehr vorsichtig und habe es geschafft.“

Was in der Spannung des WM-Kampfes fast unterging: Nick Heidfelds grandiose Fahrt, die eigentlich mit einem vierten Platz hätte belohnt werden müssen, endete nur auf Platz sieben. „Den vierten Platz hatten wir eigentlich sicher, doch dann standen mir zwei Überrundete, Christijan Albers und Takuma Sato, in der letzten Phase völlig unnötig und dumm im Weg herum.“ Es kam zu einer Kollision mit dem hinter ihm fahrenden Rubens Barrichello – Heidfeld fiel zurück. Er war so enttäuscht wie wohl noch nie und wäre im ersten Ärger fast sogar handgreiflich gegen Satos Teamkollegen Sakan Yamamoto geworden. Später sagte Heidfeld: „Ich werde mich bei ihm entschuldigen.“ Dass Sato mit einem Rennausschluss und Albers mit einer 25-Sekunden-Zeitstrafe und einer Verwarnung bestraft wurden, half Heidfeld auch nichts mehr.

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