Sport : Der lange Lauf zur Wahrheit

Die frühere DDR-Sportlerin Ines Geipel will ihren Doping-Rekord von 1984 annullieren

Martin Jander

Berlin - Läufer kennen den Punkt, an dem es besser wäre, aufzuhören. Doch sie haben auch gelernt, den Schmerz zu überwinden. Dieser Moment ist ihr eigentliches großes Glück. Ines Geipel kennt den Schmerzpunkt nur zu gut. Die Schriftstellerin machte ihre erste Karriere als DDR-Sprinterin. Heute hat die Dresdnerin eine Professur an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ inne und ist – nach Romanen und Dokumentationen zur DDR und der Nachwendezeit – eine gefragte Rednerin, wenn es um die dunklen Kapitel des deutschen Realsozialismus geht.

Laufen und Schreiben sind für Geipel nicht weit voneinander entfernt. „Ich hatte auch beim Laufen immer das Gefühl, dass die Welt größer wird“, sagt sie. Die kleine, starre Welt der DDR zu vergrößern, beschreibt sie als eigentliche Motivation für ihre Laufbahn als Sportlerin. Noch vor der Maueröffnung floh sie aus der DDR – „vielleicht das Wichtigste, was ich je gemacht habe.“ Heute lebt sie in der Welt der Literatur und überwindet weiterhin gesetzte Grenzen. Im Sommer 2005 bat sie den Deutschen Leichtathletikverband (DLV), ihren Namen nicht mehr zu erwähnen, wenn von dem immer noch bestehenden deutschen 4x100- Meter-Staffelrekord der Frauen von 1984 die Rede ist. Damals hieß sie noch Ines Schmidt. Der Rekord sei nur unter dem Einfluss des Zwangsdopings zustande gekommen. Die öffentliche Debatte war heftig. Am Freitag will der Verbandsrat über ihren Antrag entscheiden. Es wird nicht mehr allein über ihren Rekord diskutiert. 43 deutsche Leichtathletikrekorde sind verdächtig, das ist etwa ein Viertel, und die meisten von ihnen wurden von Athleten aus der DDR aufgestellt.

Die Existenz des Zwangsdopings ist gerichtlich längst einwandfrei festgestellt. Der Bundestag hat nach dem Prozess gegen DDR-Sportchef Manfred Ewald – Ines Geipel war damals Nebenklägerin – ein Gesetz zur Entschädigung der Dopingopfer verabschiedet, Geipel hat darüber eine literarische Dokumentation („Verlorene Spiele“, 2001) vorgelegt. Trotzdem tut sich der DLV mit der Klärung seiner Doping-Rekorde schwer.

DLV-Chef Clemens Prokop argumentiert, eine Streichung könne nicht erfolgen, weil im Bereich des internationalen Sports erst seit 1994 Regeln zur Aberkennung sportlicher Ehrungen im Kontext von Doping gelten würden, im Bereich des DLV gar erst seit 1999. Die DDR-Fälle stammen jedoch alle aus den Achtzigerjahren. Man könne nicht „Unrecht mit Unrecht tilgen“, sagt Prokop. der sich dabei auch auf ein Rechtsgutachten beruft. Zur Diskussion steht dafür ein Vorschlag einer Prüfkommission, die der DLV eingerichtet hatte. Demnach sollen alle bis 1999 aufgestellten Bestleistungen als „Jahrhundertrekorde“ geführt werden, von 2000 an würde rückwirkend eine neue Rekordliste geführt. Rekorde ganz zu löschen, steht in der Verbandsspitze derzeit nicht zur Debatte.

Ines Geipel entgegnet heftig: „Wo man etwas klären will, kann man es auch klären.“ Notfalls werde sie die Löschung ihres Namens per Unterlassungsverfügung erwirken. Sie begreift ihre Initiative als längst fällige Entlastung von der historischen Hypothek des DDR-Sports und einen Versuch zur Wiederherstellung der im Sport nötigen Fairness. „Ich will nicht, dass etwas, was unter kriminellen Bedingungen entstand, heute noch als Maßstab gilt“, sagt sie. „Gerade wir Ostdeutschen haben die Verantwortung, darüber zu sprechen.“ Geipel argumentiert aus der Position einer Mit-Beteiligten – kennt sie doch die lange unterdrückten Wahrheiten.

Als Mädchen saß sie bei den offiziellen Manifestationen am 1. Mai auf den Schultern ihres Vaters, eines – wie sie heute weiß – Topagenten des Ministeriums für Staatssicherheit, der viele auch „unappetitliche Aufträge“ (Geipel) vor allem in der Bundesrepublik übernahm. So bespitzelte er Menschen, die aus der DDR geflohen waren. Als Jugendliche habe sie noch eher unbewusst versucht, sich frei zu laufen. Heute will Ines Geipel Klärung, bezieht Position. „Es ist eine Position, die auch isoliert“, sagt sie. Morddrohungen sind keine Seltenheit.

Als der DLV kürzlich alle Rekordhalter zu einem Gespräch nach Frankfurt am Main bat, kam außer Geipel kein ehemaliger DDR-Athlet. Mit den drei Westdeutschen, die Interesse zeigten, kam es nicht zur Lösung. „Sie argumentierten, dass sie immer sauber waren und nun nicht für den verdreckten DDR-Sport herhalten wollen. Eine integre Position“, so Geipel, „die unbedingt zu verteidigen ist.“ Von ihren damaligen Teamkolleginnen erntet Geipel dagegen Unverständnis, teilweise Verachtung. Was auch immer der Verband am Freitag befindet: Ines Geipel ist es gelungen, einen Ton in die Auseinandersetzung um die DDR-Aufarbeitung einzubringen, der sich nicht mehr leicht aus der Welt schaffen lässt. Ines Geipel hat sich auf einen langen, anstrengenden Lauf begeben.

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